Club der halbtoten Dichter

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Images of the World (32)

1971

Taranto

Taranto Süditalien

taranto rück

Ich selbst würde mir nie ein Tier halten. Das einigermaßen vernünftig zu tun, wäre mir zuviel Arbeit und Verpflichtung. Die Vermenschlichung von Tieren ist ebenso wenig mein Ding, obwohl ich Menschen kenne und schätze, die das tun. Da nimmt dann schon einmal der Hund die Stelle eines Kindes ein und nicht selten geht dabei ein Vermögen beim Tierarzt drauf.

Wir liegen mit “Otto Leonhardt” auf Taranto Reede etwa eine Meile vor der Küste und warten auf einen Liegeplatz an der Erzpier. Das eigene Boot bringt mich am Spätnachmittag an Land, ich habe Appetit auf italienisches Eis.

Unweit des Bootsanlegers treffe ich auf ein Rudel streunender Hunde, faul in der Sonne liegend, wie üblich in diesen Gefilden. Beim Passieren der Kötergesellschaft löst sich aus dem Rudel ein Tier, das überhaupt nicht hierher passt. Es ist ein junger deutscher Schäferhund, höchstens ein halbes Jahr alt. Der kaum dem Welpenstadium entwachsene Rüde kann noch nicht lange hier sein. Er hat im Gegensatz zu seinen Artgenossen ein tadellos sauberes, glänzendes Fell und macht auch sonst einen sehr gepflegten Eindruck, während er mich freudig anwedelt.

Ich versuche zunächst, das Tier zu verscheuchen, doch es weicht mir nicht mehr von der Seite. Auf der Terrasse des Eiscafés benimmt sich Barry*, wie ich ihn natürlich nenne, sehr folgsam und wohlerzogen, sodaß der Kellner ihm unaufgefordert eine Schale mit Wasser hinstellt. Wie ich schnell herausfinde, versteht Barry gut Deutsch. “Sitz” und “Platz” klappt sofort, “Fuß” müssen wir noch ein bißchen üben.

Barry I begleitet mich also beim Erkunden der für mich neuen Stadt. Nach Einbruch der Dunkelheit esse ich extra wegen ihm in einem Restaurant im Freien. Meeresfrüchte einschließlich Tintenfisch mag er sehr. Während des anschließenden Kneipenbummels gibt es keinerlei Schwierigkeiten mit dem Bedienungspersonal, wir scheinen selbstverständlich zusammen zu gehören. Lediglich in einem Tanzschuppen, in dem an diesem Werktag ohnhin nichts los ist, muß er draußen warten, bis ich nach einer halben Stunde wieder erscheine.

Das Problem kommt erst, als ich gegen 2 Uhr nachts an Bord zurück will. Der Fischer, der mich in seinem Kutter für 10 Dollar auf meinen Dampfer zurückbringt, sieht mich eigenartig an und scheint mir nicht zu glauben, daß wir nicht wirklich zusammengehören. Als sich der Kutter in Bewegung setzt, heult und winselt mein neuer tierischer Freund fürchterlich und rennt am Strand auf und ab. Selbst als die Dunkelheit ihn einhüllt, kann ich ihn noch hören.

Zum ersten Mal in meinem Leben komme ich mir vor wie ein Verräter.

Als ich am Morgen beim Frühstück davon berichte, meint Siggi Wiskandt, der Kapitän:

“Warum haben Sie ihn denn nicht mitgebracht?”

“Die Reederei verbietet doch neuerdings die Tierhaltung an Bord.”

“Die Damen und Herren in Hamburg brauchen nicht alles zu wissen, Herr Henn.”

Am Nachmittag verholt der Dampfer von Reede an die Pier. Mit Bernd, dem 2. Ingenieur mache ich mich auf die Suche. Wir finden das streunende Rudel und wir laufen die ganze Stadt ab. Aber Barry, den Ersten, finden wir nicht mehr.

*

Nachtrag für Dolce Vita:

Barry I

* = Bei Opa heissen alle Hunde “Barry” und alle Katzen “Lisa” .

11 Kommentare

Foto: SCHMACHT!

dolce vita · 29.01.08, 09:08 Uhr

Das Thema Tiere an Bord reicht für ein ganzes Buch, ich denke da an Kapitän T. oder den 1. Offizier Turtle-W., einiges muß doch auch an Dich in der Personalinspektion durchgedrungen sein.

loggerman · 29.01.08, 09:56 Uhr

Natürlich, die beiden Herren sind mir ein Begriff: Der bis an die Zähne bewaffnete Kapitän Tr. hat immer großkalibrig auf Haie geschossen, bis wir ihm untersagten, seine Kanonen mit an Bord zu nehmen. Hier zeigt er mir gerade einen Vogel.

Das Turteln bei 1. Offz. W. beschränkte sich leider nicht auf die Schildkröten, sodaß Kapitän Kuddel S. Silvio, den Messejungen, bei Herbert B. auf der Bäckerkammer unterbringen musste. Aber ein guter Mensch war er trotzdem. Bestimmt hat er jetzt ein Schildkrötengeschäft.

Glanzstück war jedoch ein von mir eingestellter Kapitän, der in den Aufbauten freilaufende Hühner hielt, die während eines meiner Bordbesuche munter im Kapitänssalon herumgackerten. Was ich freilich - trotz meines Namens - leider unterbinden musste. Dafür hat er dann in Alexandria (ohne Lotsen) sein Schiff auf die Mole gefahren, worauf dieses in zwei Teile zerbrach und sich unsere Wege leider endgültig trennten.

Opa · 29.01.08, 11:03 Uhr

Kapitän Gerd D. erzählte mir, er ist mal mit dem 1.Offzier W. in die USA geflogen und mitten über dem Atlantik hat W. seinen Bordcase aufgemacht und es kamen kleine Schildkröten zum Vorschein, die sich unerwartet schnell im Flieger verteilten. Anschließend lief eine große Suchaktion der Stewardessen unter den Sitzen um die Viecher wieder einzufangen. Ja was vor 911 so alles möglich war.

Der Hühnerkapitän B. hat mich im Juli 1982 abgelöst, es war mein erstes Schiff als Kapitän. Ich habe das Schiff später noch einmal in Terneuzen besucht. Da war die Brücke komplett mit Grünpflanzen zugewuchert. Reedereiklatsch besagte, das er deshalb beim Einlaufen in Alex die Tonnen auf der falschen Seite genommen hat. Nachdem er durch die Grundberührung Wassereinbruch im Laderaum hatte, ist er geistesgegenwärtig trotzdem in den Hafen eingelaufen, wo das Schiff sich auf den Grund legte, Aufbauten und Maschinenraum blieben trocken. Trotz diverser Versuche ist es der Reederei und Versicherern nicht gelungen das Schiff wieder zum schwimmen zu bringen und es wurde an einen Ägypter verkauft. Der hat es gehoben und später verkauft. Es fährt heute noch.

loggerman · 29.01.08, 14:17 Uhr

Da kann man wieder mal sehen, wie die Erinnerung trügt. Ich war ja 1984, als die Grundberührung der “Inge Leonhardt” im Great Pass Channel Alexandria passierte, bereits bei der Hamburg-Süd, meine damaligen Infos stammen also aus dritter Hand.

Demnach habe ich nicht einen einzigen Kapitän entlassen, nur laufend neue befördert. Ich kann doch kein sooo schlechter Mensch sein ;-)

neobazi · 29.01.08, 16:08 Uhr

Was sagt uns diese letzte Bemerkung????
Hier geht anscheinend jemand davon aus, dass bazis prinzipiell schlechte Menschen sind.
Wie kommt er nur zu der Überzeugung????

Und Hier, kurz, prägnant, und wieder anders.

:-))

molgugge · 29.01.08, 16:55 Uhr

Das hätte eine tierische Verbindung werden können. Immerhin hast du Barry I viele Jahre in deiner Erinnerung behalten.

sillerbetrachter · 29.01.08, 17:15 Uhr

@ Molgugge:

Meine BaziND Informationen stammen neuerdings grundsätzlich aus erster Hand, Sie Ungläubiger.

Alles andere vergessen/wegschmeissen.

neobazi · 29.01.08, 17:18 Uhr

@ Sillerin:

Morgen zeige ich dir erst einmal Opa als Knut sen. , den Großvater aller Eisbären. Da wirst du erst Augen machen …

neobazi · 29.01.08, 17:28 Uhr

Bei mir heißen alle Hunde Blondie und alle Katzen Peterle. Manchmal verwende ich diese Namen auch für andere Geschöpfe.

mq · 29.01.08, 21:09 Uhr

[…] Viel Glück und herzliche Gruesse auch von Barry I aus Taranto: […]

Club der halbtoten Dichter » Tschuess Leute · 17.02.08, 17:05 Uhr

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