1971

Taranto Süditalien
Ich selbst würde mir nie ein Tier halten. Das einigermaßen vernünftig zu tun, wäre mir zuviel Arbeit und Verpflichtung. Die Vermenschlichung von Tieren ist ebenso wenig mein Ding, obwohl ich Menschen kenne und schätze, die das tun. Da nimmt dann schon einmal der Hund die Stelle eines Kindes ein und nicht selten geht dabei ein Vermögen beim Tierarzt drauf.
Wir liegen mit “Otto Leonhardt” auf Taranto Reede etwa eine Meile vor der Küste und warten auf einen Liegeplatz an der Erzpier. Das eigene Boot bringt mich am Spätnachmittag an Land, ich habe Appetit auf italienisches Eis.
Unweit des Bootsanlegers treffe ich auf ein Rudel streunender Hunde, faul in der Sonne liegend, wie üblich in diesen Gefilden. Beim Passieren der Kötergesellschaft löst sich aus dem Rudel ein Tier, das überhaupt nicht hierher passt. Es ist ein junger deutscher Schäferhund, höchstens ein halbes Jahr alt. Der kaum dem Welpenstadium entwachsene Rüde kann noch nicht lange hier sein. Er hat im Gegensatz zu seinen Artgenossen ein tadellos sauberes, glänzendes Fell und macht auch sonst einen sehr gepflegten Eindruck, während er mich freudig anwedelt.
Ich versuche zunächst, das Tier zu verscheuchen, doch es weicht mir nicht mehr von der Seite. Auf der Terrasse des Eiscafés benimmt sich Barry*, wie ich ihn natürlich nenne, sehr folgsam und wohlerzogen, sodaß der Kellner ihm unaufgefordert eine Schale mit Wasser hinstellt. Wie ich schnell herausfinde, versteht Barry gut Deutsch. “Sitz” und “Platz” klappt sofort, “Fuß” müssen wir noch ein bißchen üben.
Barry I begleitet mich also beim Erkunden der für mich neuen Stadt. Nach Einbruch der Dunkelheit esse ich extra wegen ihm in einem Restaurant im Freien. Meeresfrüchte einschließlich Tintenfisch mag er sehr. Während des anschließenden Kneipenbummels gibt es keinerlei Schwierigkeiten mit dem Bedienungspersonal, wir scheinen selbstverständlich zusammen zu gehören. Lediglich in einem Tanzschuppen, in dem an diesem Werktag ohnhin nichts los ist, muß er draußen warten, bis ich nach einer halben Stunde wieder erscheine.
Das Problem kommt erst, als ich gegen 2 Uhr nachts an Bord zurück will. Der Fischer, der mich in seinem Kutter für 10 Dollar auf meinen Dampfer zurückbringt, sieht mich eigenartig an und scheint mir nicht zu glauben, daß wir nicht wirklich zusammengehören. Als sich der Kutter in Bewegung setzt, heult und winselt mein neuer tierischer Freund fürchterlich und rennt am Strand auf und ab. Selbst als die Dunkelheit ihn einhüllt, kann ich ihn noch hören.
Zum ersten Mal in meinem Leben komme ich mir vor wie ein Verräter.
Als ich am Morgen beim Frühstück davon berichte, meint Siggi Wiskandt, der Kapitän:
“Warum haben Sie ihn denn nicht mitgebracht?”
“Die Reederei verbietet doch neuerdings die Tierhaltung an Bord.”
“Die Damen und Herren in Hamburg brauchen nicht alles zu wissen, Herr Henn.”
Am Nachmittag verholt der Dampfer von Reede an die Pier. Mit Bernd, dem 2. Ingenieur mache ich mich auf die Suche. Wir finden das streunende Rudel und wir laufen die ganze Stadt ab. Aber Barry, den Ersten, finden wir nicht mehr.
*
Nachtrag für Dolce Vita:

* = Bei Opa heissen alle Hunde “Barry” und alle Katzen “Lisa” .
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