Im Sommer 1987 hatten wir auf OTTO LEONHARDT auf der Reise von Las Palmas nach Kpeme/Togo einen Todesfall. Der kiribatische Motormann Iava war morgens zum Teatime von seinen Kollegen leblos in der Maschine gefunden worden. Trotz diverser Wiederbelebungsmaßnahmen konnte nach seiner Ausschiffung in Abidjan nur noch sein Tod festgestellt werden. Eine spätere Obduktion ergab, daß er hochgradig zuckerkrank gewesen sein muß.
Das Schiff hatte eine bunt zusammen gewürfelte Besatzung. Die Mannschaftsgrade kamen alle von den Kiribatiinseln in der Südsee. Aber der 1. Offizier war aus Polen. Der weibliche 2. Offizier, der Kapitän, seine mitreisende Ehefrau und Ltd. Ingenieur waren aus Deutschland. Letzterer war eigentlich Lehrer an der Seefahrtsschule in Cuxhaven und fuhr nur in den Semesterferien zur See. Außerdem waren noch drei philippinische Besatzungsmitglieder an Bord, als Koch, Funker und 2. Ingenieur. Trotz oder wegen der bunten Mischung war die Bordstimmung gut.
Der philippinische 2. Ingenieur war für die Arbeitseinteilung der kiribatischen Motormänner zuständig. Dabei gab es öfter Reibereien und Schwierigkeiten, insbesondere mit Iava. Nachdem wir diesen nun tot in Abidjan ausgeschifft hatten, stand der 2. Ingenieur bei mir vor der Kapitänskammer. Er könne nicht mehr in den Maschinenraum gehen, denn dort spuke der Geist von Iava herum und wolle ihm Böses antun. Nur mit Mühe konnte ich ihn überreden seine Arbeit wieder aufzunehmen.
Am nächsten Tag ging er zum 2. Offizier, traditionell zuständig für die Bordapotheke, um sich einen Vorrat an Salztabletten für den Maschinenkontrollraum geben zu lassen. Barbara nahm ihn mit ins Hospital, füllte dort für ihn einen Vorrat in ein kleines Glasgefäß ab und verschloß es mit einem Gummistöpsel. Das Gefäß nahm er mit in die Maschine, stellte es im Maschinenkontrollraum auf dem Schreibpult ab und machte anschließend seinen Kontrollgang durch den Maschinenraum. Bei seiner Rückkehr in den Kontrollraum sah er, daß das Glasgefäß offen war. Der Gummistöpsel lag daneben. Er verließ fluchtartig den Maschinenraum. Angstschlotternd stand er vor meiner Kammer. „I really don´t go down into the engine room anymore, the ghost of Iava has eaten from my salttablets!“ Niemals würde er wieder in den Maschinenraum gehen, der Geist von Iava hätte von seinen Salztabletten gegessen.
Es folgte eine kriminalistische Rekonstruktion des Ganzen. Wir gingen zusammen in das durch die Klimaanlage schon fast zu kalte Hospital. Füllten dort Salztabletten in ein gleiches Glasgefäß und verschlossen es mit einem Gummistöpsel. Nur widerwillig begleitete er mich in den Maschinenkontrollraum, wo wir das Glasgefäß auf dem Schreibpult abstellten. Der Kontrollraum war nicht an die Klimaanlage angeschlossen und durch die tropischen Außentemperaturen und die laufende Maschine herrschte eine entsprechende Wärme. Angstschlotternd stand der 2. Ingenieur neben mir, während wir auf den Geist von Iava warteten. Es dauerte auch nicht lange, bis sich die Luft in dem Glasgefäß so erwärmt und ausgedehnt hatte, daß der Gummistöpsel mit einem deutlichen „Plopp“ absprang. Ich weiß nicht ob dieses den 2. Ingenieur überzeugt hat, aber zumindestens hat er wieder seine Arbeit im Maschinenraum gemacht.
9 Kommentare
Kommentar hinterlassen
* = Pflichtfelder, E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht