Club der halbtoten Dichter

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Eisenbahnerstreik (mit Nachtrag)

Alles nicht neu, auch wenn es damals im Lokpit noch wesentlich ungemütlicher zuging:

1922

Eisenbahnerstreik

Kurt Tucholsky

Unnötig. Aber ohne jedes Recht.
Die Frau, die Kinder wollen Schuhe.
Wißt ihr, wie solcher Dienst den Körper schwächt?
Tag-, Nachtschicht und das bißchen Ruhe.

Ja, standet ihr schon mal im Führerstand?
Der Kessel glüht - es ziehn die Winde.
Heiß-kalt, kalt-heiß wird seine Führerhand …
Wo ist sein Sinn? Bei seinem Kinde?

Wo ist sein Sinn? Die Augen spähn: “Fahrt frei!”
Er darf nicht einen Griff versäumen.
Er sieht das Vorsignal und Weiche III -
Ihr könnt auf weichen Polstern träumen.

Wollt ihr nicht sichere Fahrt durch euer Land?
Wie soll der Dienst tun mit den Sorgen?
Zweihundert Leben in der einen Hand -
und dieser Hand will keiner, keiner borgen?

Er hats nicht leicht, der Mann vom Flügelrad.
Stets droht der Tod. Er soll nicht einmal fehlen.
Ihr tuts für euch. Macht seine Kinder satt!
Wer fünf Milliarden für die Reichswehr hat:
der darf uns nichts von Sparsamkeit erzählen!

*

Nachtrag:

Und 10 Prozent für die Erhöhung der Diäten!

die Red.

9 Kommentare

Die Zeiten ändern sich, nicht aber der Geist… - Ein weiterer, sicherlich unterschätzter Stressfaktor sind die vielen Selbsttötungen. Ich fragte mal einen Lokführer, was er denn gemacht hatte, als ihm jemand vor die Lok sprang. Er meinte, dass er kurz vorm Aufprall die Augen zugekniffen hatte, die Hände auf die Ohren presste und laut geschrien habe, um dem Trauma vorzubeugen. Freilich ist ein solches Trauma nicht mit mehr Lohn aufzuwiegen, allerdings würde dann die Frührente etwas höher ausfallen, denn viele sind nach einem solchen “Personenschaden” nicht mehr arbeits-, manchmal auch kaum noch lebensfähig.

der Nachbar · 03.11.07, 10:32 Uhr

Ein tolles Gedicht übrigens! - und natürlich habe ich eine hp!!! :-)

der Nachbar · 03.11.07, 10:36 Uhr

Genau!

Rationalstürmer · 03.11.07, 13:52 Uhr

Ich saß einmal in einem IC, auf der Strecke von Bonn nach Hamburg, als bei Münster jemand meinte, sich vor den Zug werfen zu müssen. Mich ärgerte nicht die Zeit, die wir auf den Gleisen standen, sondern meine Gedanken galten allein dem “Lokomotiv”Führer, der alles miterleben musste.

Das Quietschen der Bremsen klingt mir noch heute in den Ohren und von meinem Platz aus konnte ich sehen, dass der Leichnam eine Achse weiter hinter meinem Waggon lag.

Im Bonner Bahnhof sah ich eine solche Leiche, der Mann hatte sich vor den einfahrenden Zug geworfen. Ich erinnere mich noch an den Oberkörper, der zwischen dem Zug und der Absperrung zu erkennen war.

Mit diesen Bildern kann ich leben, denn nichts ist vergänglicher als das Leben. Aber ob die beiden Zugführer es aushalten konnten?

Ein Pilot wird solche Situationen niemals erleben, weshalb ich deshalb schon der Ansicht bin, dass das Verhalten der GdL seine Berechtigung hat.

Im übrigen passt Tucholsky wie H. Heine immer! Ein tolles Gedicht!

Martina · 04.11.07, 23:53 Uhr

alles eine frage der sichtweise. die bahnstrecke N-FÜ-ER scheint eine recht beliebte suizidstrecke zu sein. ich habe dort häufig in bahnhöfen oder auf freier strecke wegen personenschäden warten müssen. einmal sprang direkt an meinem bahnsteig einer vor den zug. alle wartenden haben es gesehen. mein gedanke war immer: können sich diese leute vollidioten nicht einfach auf saubere weise und ohne diese publicity inklusive kollateralschäden aus dem diesseits beförden?

mudshark · 05.11.07, 10:29 Uhr

Vollidioten, die so etwas vorhaben, sind nicht in der Lage, zu denken. Glaube ich wenigstens.

neobazi · 05.11.07, 10:41 Uhr

stimmt natürlich. trotzdem ein beknacktes handeln, und nicht nur lokführer werden damit, gelinde gesagt, belästigt.

mudshark · 05.11.07, 11:06 Uhr

Um Gottes Willen, Herr Mudshark, machens mir bloß keine Angst. Ich hock da fast jeden Tag im Zug.

Rationalstürmer · 05.11.07, 22:35 Uhr

[…] Bahn […]

Club der halbtoten Dichter » Bazibrandt · 26.12.07, 16:02 Uhr

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