Es gibt da draußen Leute, die können erzählen, dass einem vor Ehrfurcht die Haare zu Berge stehen. Manche von denen liest man viel zu selten, und vielleicht passiert das aus dem alleinig ehrlich eingestehenswerten Grund, dass man selber seinen Laden auf der Stelle dichtzumachen hätte, weil nichts von dem, was man selber zustande bringt, auch nur im Ansatz an das Zeug hinreichen könnte, was solche Typen andauernd schreiben.
Mein Glück, dass ich trotzdem ein großer Maulauf bin, der sich im Letzten dann doch nicht einschüchtern lässt und trotz aller fehlender Feingliedrigkeit brav und fleißig weiter seinem Wortmetzgerhandwerk nachgeht. Und außerdem haben die genannten Schreiber die Größe, mit Ihrem Schreibetreiben dazu aufzufordern, eben nicht still zu sein, sondern sich den Spaß (und die Mühe) zu machen, selbst auch den Stift in die Hand zu nehmen. Sehen wir uns hierzu zum Beispiel mal folgende Passage an, in welcher einer dieser Menschen sein Blogtun erklärt:
Mich interessiert diese rätselhafte jähe Großartigkeit, mich interessieren diese zehn Prozent mehr Strom, die glücklichen Hiebe in die eigene Hand, die Möglichkeiten zur Freude an den Dingen und an der Rafinesse des Daseins und die Strategien gegen die Barbarei, auch und vor allem die eigene; all das kann man aufspüren, wenn man nur genau ist; man muß achtgeben und erzählen und scheitern muß man auch. Und mich interessieren die Menschen, die begriffen haben, daß das Leben wirklich passiert und daß man die verdammte Pflicht hat, es erst einmal ernst zu nehmen, immer, im Augenblick, bevor man sich in Blödelei retten darf. (Wogegen nichts spricht.) (Vigilien, Über die Vigilien)
Ich glaube, der große alte Gauner-Hausherr, der mir vor Zeiten einmal den Schlüssel für hier in die Hand gedrückt hat, sieht das zumindest ähnlich. Wahrscheinlich hat er mir auch deshalb vor ein paar Wochen
aufgetragen, ich möge doch mal wieder etwas Sinnvolles oder so tun und eine Geschichte von einem dieser Schreiber vorlesen.
Das hat ne ganze Weile gedauert. Auch, weil ich Zeit gebraucht habe, um mir die Distanz zum Text anzulesen, von der ich denke, dass sie in den Vortrag gehört. Und selbst wenn man das bei mir vielleicht manchmal nicht glauben mag, bin ich doch im Innersten ein zutiefst geduldiger Mensch, der diese Zeit durchaus abwarten kann, wenn ich das Gefühl habe, es wäre der einzige Weg, nahe an etwas oder jemanden hinzukommen. Umso mehr freut es mich, dass mein alter Sack von Bruder mit mir dieselbe Geduld hatte. Zumal ich doch auch tatsächlich über all die Zeitvergehenlassung die Teilnahme am Umzugs-Preisausschreiben schlicht und einfach verbummelt habe.
Aber jetzt genug gequatscht. Ist mir eine große Freude gewesen, diesen Text vorzulesen. Noch mehr freu ich mich, am 1. Juni in der Brotfabrik in Berlin der Stimme zuzuhören, deren Besitzer zu so einem Text fähig ist. Wer übrigens nicht wie ich vom Amt den Flug nach Berlin bezahlt kriegt die Reise nach Berlin antreten kann, dem möchte ich an dieser Stelle nochmal den Erwerb der Kleinen Großstadtgeschichten wärmstens ans Herz legen. Und zwar bitteschön über diese Seite hier oder zumindest über den Buchhändler eures Vertrauens, weil Amazon und so sind schon reich genug.
Und hier kann man hören, was ich angestellt habe: Distanziert vorgelesen oder so.
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