Club der halbtoten Dichter

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Felsen (3)

Was ist passiert? Beim Kaffee in der PUO-Messe stellt sich der Ablauf des Geschehens wie folgt heraus:

Wir nähern uns mit voller Marschfahrt (21 Knoten) dem Ausgang des Björnafjords und der Kommandant hat gerade sein Sichtgerät des Radars auf der Brücke vom 10- auf den 3-Meilenbereich umgeschaltet, da sich das Fahrwasser dort stark verengt. Genau in diesem Moment kommt eine Anfrage aus der Maschine: Man müsse eine Messung wiederholen, die Werte seien sehr unwahrscheinlich. Der Kommandant sagt sofort zu und befiehlt: “Steuerbord 10, auf Gegenkurs gehen.”

 

Nun dauert es eine kleine Weile, bis der Schirm des Radargerätes sich auf den neuen Bereich eingestellt hat, die alten Werte fluoreszieren nach und eine Zeitlang kann man nichts Vernünftiges erkennen. Aber dann ist es auch schon zu spät, der Alte sieht: das schaffen wir nie und schreit: “Hart Steuerbord. Beide Maschinen äußerste Kraft zurück.” Ein Notmanöver.

dr noodt

Fregattenkapitän Dr. Noodt - die Besatzung hat ihn geliebt.

 

Dieses Kommando rettet vielen von uns das Leben. Zwar steuert das Getriebe nicht so schnell um, aber es kommt doch etwas Fahrt aus dem Schiff und vor allem wird der Aufprallwinkel etwas kleiner. Wären wir vierkant auf den Felsen geknallt, wäre der Dampfer 40 Meter kürzer gewesen und die Maschinen hätten sich aus ihren Verankerungen gerissen, sehr wahrscheinlich mit einem verheerenden Feuer als Folge.

 

Ein Deck tiefer, in der Operationszentrale des Schiffes, sieht man das Unheil kommen. Jedenfalls erzählt mir das mein Freund, der Radarmeister. Norbert zum ebenfalls anwesenden Operationsoffizier: “Herr Kaleu, sollen wir hochgeben, bitte nicht am Felsen festmachen?” Aber dieser vertraut wohl seinem Radarmeister nicht ganz.

 

Aus dem Kaffeetrinken wird so schnell eine allgemeine Geburtstagsfeier, wir haben Glück gehabt und bald gehen die Wogen hoch. Am späten Nachmittag unterbricht uns dann der Erste Offizier: “Meine Herren, Sie verkennen den Ernst der Lage. Havariekommandanten werden bei der Marine stets abgelöst und versetzt.” So kommt es dann leider auch. Aber das wird uns erst später bewusst. Wir verholen uns von der Messe ins Wohndeck und feiern weiter Geburtstag.

fum mit pasta

Die militärische Frisur des Funkmeisters ist die Folge einer Verwechslung der Brisk- mit der Blendax-Tube.

Am Tag darauf verholen wir in ein Trockendock - wohl noch zu Adolfs Zeiten in den Fels gesprengt - und hier wird das ganze Ausmaß des Schadens sichtbar. Das gesamte Vorschiff ist aufgeschlitzt und voller Löcher. Viele Besatzungsmitglieder schnappen sich einen Felsbrocken als Souvenir.

 felsendock 2

Nach einer notdürftigen Reparatur warten wir ruhiges Wetter ab und verholen am 2. Februar 1965 nach Hamburg in die Werft. Auf der Ship/Shore Frequenz der Nordsee ist es merkwürdig ruhig. Die gesamte Flotte hört auf die “Braunschweig” und schreibt unsere Positionsmeldungen mit.

In Hamburg gehen wir in ein uraltes Dampfdock aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Hier findet dann tatsächlich der Kommandantenwechsel statt:

Der Neue:

fk schneider

Es ist der ehemalige Erste Offizier des Zerstörers Z 1, in Kreisen der Flotte berüchtigt als “Z Nagold” . Jetzt sind wir alle richtig sauer. Aber bereits zwei Tage später steht er auf dem Schlauch:

dampfdock

Das uralte Dampfdock mit der “Braunschweig” drin reißt sich im Sturm los und treibt die Elbe hinab durch den Hamburger Hafen. Ich glaube, der Alte scheißt sich fast in die Hose.

Aber die Schlepper von “Fairplay”, die gegenüber an den Landungsbrücken liegen, haben uns sofort auf dem Haken und bringen uns wieder nach Hause.

Und den neuen Alten haben wir ganz schnell im Griff …

Ende

Teil 1

 

19 Kommentare

[…] Weiter […]

Club der halbtoten Dichter » Felsen (2) · 29.11.06, 11:42 Uhr

Unterliegen die Bilder von Löchern im Pelz des Schiffes eigentlich der Geheimhaltung? Hätten mich interessiert, so persönlich.

Bin froh, dass es gut ausgegangen ist und keiner verletzt wurde. Da gibt es Erinnerungen an Verletzungen, die entstanden, weil ein Iltis rückwärts halt schwächer ist als ein Marder vorwärts. Speziell bei Dunkelheit und einer Kuppe auf dem Standortübungsplatz…

Totenschnibbler · 29.11.06, 11:55 Uhr

Ich habe leider keine Bilder mehr davon. Geheim war damals höchstens das in den Fels gesprengte Dock, das hielten die Norskes sehr verdeckt. Auch im Netz finde ich nichts dazu. Kontakt mit der damaligen Besatzung habe ich nicht mehr.

Viele meiner älteren Fotos (auch Bilder der ganz jungen Kinder) sind leider auf dem Weg von Hamburg nach Seattle mit dem Fluggepäck vor ein paar Jahren verschwunden.

Neo-Bazi · 29.11.06, 12:12 Uhr

Ich sags ja, Skylla und Charybdis. Und das in Norwegen, Herrschaftzeiten!
A scheene Gschicht, Edi.

Rationalstürmer · 29.11.06, 12:14 Uhr

ach opa,

ich wart immer noch drauf, dass du dich auf meinen bettrand setzt und mir geschichten erzählst.
wie sichs eben für einen richtigen opa geziemt.

aber gut, dass ich schon alt genug bin, um sie wenigstens lesen zu können.

enkelinnenbussi

lylo · 29.11.06, 13:25 Uhr

undank ist der welten lohn - könnte man sagen. stimmt aber in dem fall nicht ganz. der alte hat ja zuvor mit dem gegekurs ein verheerendes kommando gegeben. bei 10° steuerbord und 21knoten muss ein fjord schon ganz schön breit sein um einen kahn wie die braunschweig zu wenden, oder irre ich da?

aber fei werkli a scheeni gschicht. grad recht für den kaminabend mit den enkeln.

mudshark · 29.11.06, 13:33 Uhr

edi, you made my day. eigentlich kann ich mich lylos worten anschließen. du bist ein toller geschichtenerzähler. hoffentlich bald meer..

sillerbetrachter · 29.11.06, 13:44 Uhr

Z-Nagold.
Anspielung auf den Schleifer “Raub” ?

Tolle, weil wahre Geschichte. Da lebste richtig mit.

oldman · 29.11.06, 14:32 Uhr

Die blaue Wüste gehört eigentlich unbedingt in den Buchhandel, um auch den unelektrischen Zeitgenossen zugänglich zu sein !

Havariekommandanten werden bei der Marine stets abgelöst und versetzt. Ein plausibles System - sollte auch auf viele andere Bereiche angewendet werden …

Nullqurke · 29.11.06, 14:38 Uhr

/Ratze: das Leben ist nun mal lebensgefährlich. Im Gegensatz zu Wikipedia sehe ich sogar mehr als zwei Gefahren. Ich glaube vielmehr, wir sind umzingelt.

/lylo: auf deinem Bettrand sitzend, würde ich allerdings gerne ein anderes Thema anschneiden;-)

/mudshark: du hast natürlich recht. Dr. Noodt wurde nach Bonn versetzt, aber er ist wohl nicht aufwärts gefallen, denn keiner hat je wieder von ihm gehört. Ich halte es für wahrscheinlich, daß er sich seinen eigentlichen Themen zugewandt hat: Ozeanographie und Mathematik.

/Sillerin: mehr Meer also. Schau mer mal …

/oldman: Liegestütze über aufgeklapptem Messer, ja. Damals war Nagold in aller Munde. Aber das hat der neue Alte nicht verlangt, nur Ronny (Oh my darling Caroline), das konnten wir gar nicht oft genug spielen. Dann bekam er richtig Durst. Ich mußte sogar gegenüber meinen Funkern aus Fürsorgegründen einschreiten, sonst wär er gar nicht mehr nach Hause zu seinem Weib gegangen ;-)

/Nullqurke: gute Idee mit den anderen Bereichen. Aber mußtest du mich jetzt unbedingt an meinen Lieblingsfeind Wiesheu erinnern?

Neo-Bazi · 29.11.06, 15:28 Uhr

Umzingelt? Wenns nur das wär. Die sind doch oben und unten auch noch!
Und sehr schön, dassd den Todespiloten Wiesheu auch noch so elegant untergebracht hast.

Rationalstürmer · 29.11.06, 15:52 Uhr

Beim heruntergewirtschafteten Laden DB kann er sowieso und überhaupt kaum noch Unheil anrichten.

Nullqurke · 29.11.06, 16:27 Uhr

Interessanter Wechsel der Zustände bei der Marine.

Vor 65 Jahren hart ran und Knochenjob bis zum bitteren Salzwasserende, dann einige Jahrzehnte Butterfahrt (mehr oder weniger) mit viel Racke Rauchzart.
Jetzt sind die Zeiten bei dem Club wohl auch wieder etwas anders.
Vor zwei Wochen Scheinangriffe der Israeli auf einen der Kähne vor dem Libanon. Ich kann mir vorstellen, dass da die Hand am Abzug zuckt und hoffe, dass auch weiterhin entweder alle so stramm sind, dass die Reaktionszeit auf -1 steht, oder dass sie cool genug bleiben und denen keine verpassen.

Schön, was von den Internas lesen zu können von gutem Leumund, und nicht nur aus Landser-Heftchen oder Militaria-Knalltüten der linken/mittleren/rechten Szene.

Andie "Meier" Kanne · 29.11.06, 23:21 Uhr

Natürlich ist das Geschwätz von der Schule der Nation absoluter Schwachsinn. Trotzdem habe ich gerade von meinen Kommandanten viel für mein Leben gelernt.

Von Don Ölo, dem späteren Admiral Benzino, auf dem Schnellboot: Menschenführung und die Bedeutung von Geschichte und Kultur.

Von Dr. Noodt auf dem Geleitboot: Menschenführung und konsequentes Handeln.

Von Oberleutnant zur See Sievert, dem späteren Admiral und Leiter der Marineschule Mürwik: Menschenführung und Seemannschaft.

Du darfst nie vergessen: ich war vierzehn, als ich versuchen mußte, meinen Mann zu stehen :-)

Neo-Bazi · 30.11.06, 00:48 Uhr

Prost, übrigens.

Das stelle ich mir buchstäblich pein-lich vor für die Kollegen aus McPom und ähnlichen gelagerten Bundesländern. Viele haben in ihrem Empfinden -wohl auch wirklich, wie Du schön anführst- für das Leben gelernt in dieser Zeit. Wenn auch am anderen Ufer der Ostsee.

Dezennia später werden sie für Assmänner deklariert. So wie Du jetzt stolz bist auf die Zeit, ist ein ordentlicher Teil unserer Nationalbrüder (sic) selbstgefühlsmässig aussen vor. Aber sie wollten uns ja unterkriegen, also recht so :) (oder heilt Zeit auch diese Wunden?)

Was ich eigentlich fragen wollte: Niedernhaller Kocherberg, 2005, “Portugieser mit Spätburgunder”. 3.49 EUR bei Rewe.
Wolle mer’n roilasse? I moin, wolle mer no oin roilasse?

IM Andie Gänsefleisch · 30.11.06, 01:12 Uhr

Zum ersten Teil deiner Rede: Gegen das Vergessen

Und für den Rest muß wohl der Trollinger vom oldman dran glauben. Prost!

Neo-Bazi · 30.11.06, 01:41 Uhr

FK Dr. Noodt ist zum Ende seiner Dienstzeit 5 Jahre in Norwegen stationiert gewesen, in den letzten Jahren als Chef des Stabes beim Oberkommandierenden Nordeuropa. Er ist 1982 als Konteradmiral in den Ruhestand gegangen, verstorben 2005.

Noodt · 03.02.07, 14:44 Uhr

Ich bedanke mich sehr für diese Auskunft. Die Pressestelle der Bundesmarine hat eine diesbezügliche Anfrage per E-Mail nicht beantwortet und im Netz habe ich wohl nicht sorgfältig genug recherchiert.

Ich kannte Dr. Noodt bereits flüchtig als Schnellbootskommandanten beim 3. S-Geschwader in Flensburg.

Bereits dort - wie später als Kommandant der “Braunschweig” - war er seiner Besatzung ein Vorbild als Mensch und als Soldat.

PS:

Sie schreiben aus Neumünster? 

Neo-Bazi · 03.02.07, 15:11 Uhr

[…] betrifft >diesen Beitrag und zeigt u.a. die Fregatte Braunschweig neben dem Eingang zum erwähnten Felsendock in der Nähe […]

Club der halbtoten Dichter » Update F 225 - Felsen (3) · 13.05.08, 19:02 Uhr

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