Was ist passiert? Beim Kaffee in der PUO-Messe stellt sich der Ablauf des Geschehens wie folgt heraus:
Wir nähern uns mit voller Marschfahrt (21 Knoten) dem Ausgang des Björnafjords und der Kommandant hat gerade sein Sichtgerät des Radars auf der Brücke vom 10- auf den 3-Meilenbereich umgeschaltet, da sich das Fahrwasser dort stark verengt. Genau in diesem Moment kommt eine Anfrage aus der Maschine: Man müsse eine Messung wiederholen, die Werte seien sehr unwahrscheinlich. Der Kommandant sagt sofort zu und befiehlt: “Steuerbord 10, auf Gegenkurs gehen.”
Nun dauert es eine kleine Weile, bis der Schirm des Radargerätes sich auf den neuen Bereich eingestellt hat, die alten Werte fluoreszieren nach und eine Zeitlang kann man nichts Vernünftiges erkennen. Aber dann ist es auch schon zu spät, der Alte sieht: das schaffen wir nie und schreit: “Hart Steuerbord. Beide Maschinen äußerste Kraft zurück.” Ein Notmanöver.

Fregattenkapitän Dr. Noodt - die Besatzung hat ihn geliebt.
Dieses Kommando rettet vielen von uns das Leben. Zwar steuert das Getriebe nicht so schnell um, aber es kommt doch etwas Fahrt aus dem Schiff und vor allem wird der Aufprallwinkel etwas kleiner. Wären wir vierkant auf den Felsen geknallt, wäre der Dampfer 40 Meter kürzer gewesen und die Maschinen hätten sich aus ihren Verankerungen gerissen, sehr wahrscheinlich mit einem verheerenden Feuer als Folge.
Ein Deck tiefer, in der Operationszentrale des Schiffes, sieht man das Unheil kommen. Jedenfalls erzählt mir das mein Freund, der Radarmeister. Norbert zum ebenfalls anwesenden Operationsoffizier: “Herr Kaleu, sollen wir hochgeben, bitte nicht am Felsen festmachen?” Aber dieser vertraut wohl seinem Radarmeister nicht ganz.
Aus dem Kaffeetrinken wird so schnell eine allgemeine Geburtstagsfeier, wir haben Glück gehabt und bald gehen die Wogen hoch. Am späten Nachmittag unterbricht uns dann der Erste Offizier: “Meine Herren, Sie verkennen den Ernst der Lage. Havariekommandanten werden bei der Marine stets abgelöst und versetzt.” So kommt es dann leider auch. Aber das wird uns erst später bewusst. Wir verholen uns von der Messe ins Wohndeck und feiern weiter Geburtstag.

Die militärische Frisur des Funkmeisters ist die Folge einer Verwechslung der Brisk- mit der Blendax-Tube.
Am Tag darauf verholen wir in ein Trockendock - wohl noch zu Adolfs Zeiten in den Fels gesprengt - und hier wird das ganze Ausmaß des Schadens sichtbar. Das gesamte Vorschiff ist aufgeschlitzt und voller Löcher. Viele Besatzungsmitglieder schnappen sich einen Felsbrocken als Souvenir.

Nach einer notdürftigen Reparatur warten wir ruhiges Wetter ab und verholen am 2. Februar 1965 nach Hamburg in die Werft. Auf der Ship/Shore Frequenz der Nordsee ist es merkwürdig ruhig. Die gesamte Flotte hört auf die “Braunschweig” und schreibt unsere Positionsmeldungen mit.
In Hamburg gehen wir in ein uraltes Dampfdock aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Hier findet dann tatsächlich der Kommandantenwechsel statt:
Der Neue:

Es ist der ehemalige Erste Offizier des Zerstörers Z 1, in Kreisen der Flotte berüchtigt als “Z Nagold” . Jetzt sind wir alle richtig sauer. Aber bereits zwei Tage später steht er auf dem Schlauch:

Das uralte Dampfdock mit der “Braunschweig” drin reißt sich im Sturm los und treibt die Elbe hinab durch den Hamburger Hafen. Ich glaube, der Alte scheißt sich fast in die Hose.
Aber die Schlepper von “Fairplay”, die gegenüber an den Landungsbrücken liegen, haben uns sofort auf dem Haken und bringen uns wieder nach Hause.
Und den neuen Alten haben wir ganz schnell im Griff …
Ende
19 Kommentare
Kommentar hinterlassen
* = Pflichtfelder, E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht