Club der halbtoten Dichter

Club der halbtoten Dichter

Langstreckenwaffe

»…er hockt hinter einer halbrunden Mauer aus sechs Computerbildschirmen, die er in zwei Dreierreihen zusammen montiert hat, das sieht aus wie ein Schutzschild…Auf zwei Monitoren wächst das Manuskript seines nächsten Romans. Auf einem Bildschirm wartet Google, daneben steht Wikipedia bereit, vom den beiden restlichen Monitoren grinsen ein Skelett mit Sense und ein Zwerg mit Bierkrug…«
Die Rede in diesem Artikel der verbreiteten Zeitschrift »Buchkultur« ist von Terry Pratchett. Anscheinend ist Mr Pratchett kein Abonnent der SZ.
Die neueste Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung beinhaltete einen dreiviertelseitigen Zerriss über die Glaubwürdigkeit und Zitierfähigkeit der Online-Enzyklopädie, obschon auch die Brittanica nicht ohne Kritik davon kam.

Doch skurrilitätshalber, berufe ich mich auf die Angaben, welche man in der Wikipedia über die Raumfahrt, bzw. Raketen, findet.
Laut diesen Angaben, wurden die ersten Raketen – also Langstreckenwaffen – in China abgefeuert, im 13. Jahrhundert. Zur Abschreckung, wie es heißt. Somit, schon 1232 (laut Wikipedia) bot die Ferne kein Asyl. Auch vor fast 800 Jahren war Rückzug, also die strategisch geschaffene Pufferzone zwischen deinem Feind und dir, keine Schutzmassnahme.

So fing im 13. Jahrhundert die Drangsal, davor angenehm fern, uns auf die Pelle zu rücken. Und mit jedem Jahrhundert wurde ihre Tücke durch subversivere Eigenschaften verstärkt: Sie wurde nicht nur unsichtbar, unterschwellig, lautlos, wandelbar sondern noch viel schlimmer - nun ist die Gefahr unmittelbar.

Doch wenn es vor dem 13., Jahrhundert taktisch klug war, sich auf Distanz zu begeben um somit Schutz oder gar Überblick und Ruhe zu suchen, ist die Ferne jetzt nichts Wünschens- und Lobenswertes. Lieber hüft man heutzutage einem mit dem nackten Arsch ins Gesicht als sich ein Schritt zu entfernen. Entrückt wird mit Autismus gleichgesetzt.

In unserer geselligen Welt kommt die malträtierte Ferne gerade recht für eine Wortschöpfung um eine Gesellschaftsschicht zu umschreiben, die, wie ein katatonisches Sorgenkind in der Ecke schaukelt. Zum Luxusgut avanciert, ist »Arbeit« kein geeigneter Determinator für die gegenwärtige Demagogieoffensive, da das bisher hergenommene »Arbeiterklasse« ein viel zu positivbesetztes Kompositum darstelle. Mit dem sauren Nachgeschmack der Pisastudie noch auf der Zunge, ist »Bildung« noch in aller Munde. Zu faden Brei zerkaut, wird es dennoch weder runtergeschluckt noch rausgespuckt.

»Ungebildet« sei zu nahe. So bestellt man an einem Euphemismus, der keiner ist. Denn der »Bildungsferner« ist an den Rand geschoben, an den äußersten. Der Ungebildete, ist hingegen mit nur zwei Buchstaben von dem Wunschzustand getrennt. Doch wenn der Ungebildete weit von sich geschoben wird, so weit, dass er fremd wird, fern genug um die eigene Werte und Vorstellungen, Arroganz und Voreingenommenheit zu sichern, kann man bedenkenlos zuschlagen.

7 Kommentare

Zum näheren Kennenlernen des berühmtesten noch lebenden englischen Autors (Times) empfehle ich dieses Interview.

Ferner zitiere ich aus dem Klappentext zu Dietrich Schwanitz “Bildung”:
“Wenn wir nicht das Wesentliche vom weniger Wichtigen unterscheiden, verlieren wir die Maßstäbe.”

Zur Distanz:
Früher standen sich die Menschen näher. Es blieb ihnen nichts anderes übrig. Die Schußwaffen trugen nicht weit. (Stanislaus Jercy Lec)

Und Online-Enzyklopädien sind meine einzige Chance, und nicht nur meine.

Neo-Bazi · 07.11.06, 16:26 Uhr

Sehr bemerkenswert, Herr Kubelick. Da fällt einem so richtig auf, dass man Sie eigentlich noch viel öfter lesen möchte. Wobei ich mir gerade überlege, ob das nicht missverstanden werden könnte als Wunsch, Sie sprängen der Leserschaft mit dem nackten Arsch ins Gesicht.

Neinnein, Sie haben schon recht. Ferne und Distanz als ruhe- und überblicksstiftende Komponente im Dasein wie auch als Wortbestandteil taugt heutzutage zu nicht mehr viel außer zum Zeigefinger. Der freilich schon vor dem dreizehnten Jahrhundert groß in Mode war und immerzu mit dem herrlichen Brauchtum der Anprangerei einher gegangen ist.

Rationalstürmer · 07.11.06, 17:02 Uhr

zur anmerkung
name ist programm, nicht nur bei mir (kryptik).
sollte ich die umschreibungkurve nicht gekriegt habe, war das wort der tage »bildungsfern«. schauderhaft!

mister bazi,
mit einem rapier schaut ein ehrenwerter gentleman seinem gegener in die augen und zielt auf die schläfe. die nähe, so meine ich, entblösst nicht nur deinen gegner, sonder auch dich selbst. eine zittrige hand, ein tropfen schweiss auf dem stirn, zweifelschatten in den augen….die abschaffung der nähe (auch bei einer inneren migration) verpsricht eine trügerische sicherheit. etc. etc.

mister stormy,
danke für den lob. irgendwie habe ich ihn heute gebraucht.
und mein arsch bleibt auf dem ulmer hocker. die gedanken sind häufiger da, als mir lieb ist. doch bevor ich sie zu fangen vermag, in die fesseln der worte liebevoll einschränken kann, sind sie schon wieder weg. weder sie (die gedanken) noch ich klammern an einander.

kubelick · 07.11.06, 17:20 Uhr

Meine (überwiegend erfolgreiche) Taktik besteht auch darin, mich noch dümmer zu stellen, als ich sowieso schon bin. Das erfordert die geringste Verstellkunst Anstrengung und provoziert die interessantesten Kommentare (Wie bleibe ich trotzdem einigermaßen höflich?).

Neo-Bazi · 07.11.06, 17:40 Uhr

gerne häufiger läse nicht nur der Rationalstürmer Sie, Herr Kubelick. Da reihe ich mich gern mit ein. wo sonst erfährt man, wenn man nicht selbst darauf kommt, über die fernöstlichen Ursprünge heutiger Marschflugkörper? Und überhaupt freue ich mich jedes Mal über die kruden Fragmente, schillernden Einsprengsel, zusammenhangsverlorenen Spinnereien und sprachlich bezaubernden Hirnrissigkeiten Ihres wunderbar verrückten Großhirns, die mich oft zunächst etwas ratlos und doch gebannt hinterlassen.

Ole · 08.11.06, 15:07 Uhr

mister bazi,

meine taktik, wie sie bereits merhfach erlesen konnten, ist »verwirren statt überzeugen«. die paar fremdwörter oder fachtermine (eines abends, ein rechtsanwalt, 3 sysads und meiner einer diskutierten über die richtige beugung von »sarcophagus«: im englischen »sarcophagi« doch, der ra mußte mit seinem alt-griechischen halbwissen hausieren und meinte, die korrekte mehrzahl von »sarcophagus« wäre »sarcophagoi«, nur so am rande.) unterstürzen den trügerischen schein mit glanzmomenten.

mister olé,
danke für diese naja, sehr , ehem, wie soll ich,,,….diesen lob. früher übte ich eine fanatische kontrolle über die worte, überliess nichts dem zufall. ich packte den leser am ohr und zog ihn, schleppte ihn dahin, wo ich ihn haben wollte. dann sagte ich: quark! ein toller quark ist das. soll er doch rumtollen, was er will. ich denke, der leser hällt den koleidoskop und kann ihn drehen wie er will.

kubelick · 08.11.06, 16:06 Uhr

Selbst wenn ich die Absicht hätte, mich eines fernen Tages in einen solchen zu legen, Verehrtester, würde es sich vermutlich nicht um den Plural handeln. Zierlich, wie ich gebaut bin.

Aber diese Absicht besteht nicht. Ich springe ganz einfach in die Kiste, Sir, mit Verlaub.

Neo-Bazi · 09.11.06, 13:09 Uhr

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