Heute nacht habe ich Morgenröte wiedergelesen. Viele Dinge hat er begriffen, andere vorausgeahnt, dieser Mann.
“Aber er ist doch mitverantwortlich für den Nazismus!”
Ich weiß nicht. Ich weiß, daß die Nähe des Dr. Rosenberg genügt hätte, damit ihm vor Ekel schlecht geworden wäre. Doch vorher hätte er eigenhändig seine niederträchtige Schwester erwürgt.
Das, wovon er vage etwas ahnte - das ungeheuer große Reich des Unbewußten - erforschte als erster ein armer, bescheidener, kleinbürgerlicher Wiener Jude. Er hielt es für demütigend und nicht korrekt, einen Wert entgegenzunehmen (seine Arzthonorare), ohne seinen schwierigen Klienten einen Gegenwert zu geben (die Möglichkeit der Heilung, falls vorhanden). Er suchte nicht nach Großem; er wollte nichts entdecken, nichts revolutionieren; er wollte nur Kranke heilen (die - trotz der manchmal außerordentlichen Schwere ihrer Leiden - keine Kranken im eigentlichen Sinne waren). Doch er war ein ehrlicher Mensch, begabt mit einem scharfen, forschenden Blick; und er mußte - da ein Fall den anderen bestätigte - vor dem Offenkundigen die Waffen strecken, widerstrebend bis zum Schluß.
Nun werden allzuviele Jahre vergehen müssen (ein ganzes Mittelalter), bevor man aufhören wird, den ersten der beiden mißzuverstehen, das heißt zu verwünschen; und bevor man gegenüber dem anderen die unvermeidlichen und absurden Widerstände abbaut.
Aus: Umberto Saba DER DICHTER, DER HUND UND DAS HUHN
(Einem Geschenk von Jule)
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