Club der halbtoten Dichter

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Nietzsche - Freud

Heute nacht habe ich Morgenröte wiedergelesen. Viele Dinge hat er begriffen, andere vorausgeahnt, dieser Mann.

“Aber er ist doch mitverantwortlich für den Nazismus!”

Ich weiß nicht. Ich weiß, daß die Nähe des Dr. Rosenberg genügt hätte, damit ihm vor Ekel schlecht geworden wäre. Doch vorher hätte er eigenhändig seine niederträchtige Schwester erwürgt.

Das, wovon er vage etwas ahnte - das ungeheuer große Reich des Unbewußten - erforschte als erster ein armer, bescheidener, kleinbürgerlicher Wiener Jude. Er hielt es für demütigend und nicht korrekt, einen Wert entgegenzunehmen (seine Arzthonorare), ohne seinen schwierigen Klienten einen Gegenwert zu geben (die Möglichkeit der Heilung, falls vorhanden). Er suchte nicht nach Großem; er wollte nichts entdecken, nichts revolutionieren; er wollte nur Kranke heilen (die - trotz der manchmal außerordentlichen Schwere ihrer Leiden - keine Kranken im eigentlichen Sinne waren). Doch er war ein ehrlicher Mensch, begabt mit einem scharfen, forschenden Blick; und er mußte - da ein Fall den anderen bestätigte - vor dem Offenkundigen die Waffen strecken, widerstrebend bis zum Schluß.

Nun werden allzuviele Jahre vergehen müssen (ein ganzes Mittelalter), bevor man aufhören wird, den ersten der beiden mißzuverstehen, das heißt zu verwünschen; und bevor man gegenüber dem anderen die unvermeidlichen und absurden Widerstände abbaut.

Aus: Umberto Saba DER DICHTER, DER HUND UND DAS HUHN

(Einem Geschenk von Jule)

9 Kommentare

In diesem Zusammenhang auch zu empfehlen: Irvin D. Yalom, When Nietzsche wept (schildert die fiktive Begegnung zwischen Nietzsche und Joseph Breuer, einem Wiener Psychoanalytiker und Mentor Freuds)

mike quebec · 27.08.06, 19:11 Uhr

Die Nazis hingen sich an seinen “Umsturz der Werte”. Imho, Nietzsche meinte die grundlegende (!) Veränderung der menschlichen Existenz, nicht die Ausnutzung durch eine politische Macht. Und diese Veränderung arbeitet nicht ohne die Akzeptanz des unbewusst-unterbewussten, an der sich Freud versuchte. Beide wurden von den Kirchen für Ihre Thesen stets verdammt - bis heute. So wurde bis jetzt für mich ein Schuh draus. Danke für den Buchtipp!

Joshuatree · 27.08.06, 21:19 Uhr

@ Joshuatree
Erbitte noch per Mail Versandadresse für die Fabian-CD.

@ mike quebec
Bedanke mich ebenfalls für den Buchtipp.

Neo-Bazi · 27.08.06, 23:33 Uhr

Yalom ist sehr nett zu lesen. Bei Nietzsche höchstpersönlich schwanke ich noch. Die “Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik” ist einigenteils ziemlicher Unfug, aber sehr nett zu lesen. Den “Zarathustra” fand ich gut geschrieben, aber inhaltlich so grässlich, dass ich es nach 100 Seiten abgebrochen habe…

Ole · 28.08.06, 14:57 Uhr

Wenn du dich Nietzsche nähern möchtest, solltest du es über Benn und Jaspers tun.

Nachtrag:

Nietzsche und der Zwiebelfisch, das sind die beiden einzigen Themen, bei denen ich dir widerspreche, lieber Ole, nachdem wir uns nun über ein Jahr “kennen.”

Neo-Bazi · 28.08.06, 15:02 Uhr

Welch wunderbares philosophisches Chaos!

Im “Steppenwolf” von Hermann Hesse wird “Harry Haller” übrigens wie folgt zitiert: ” Eine Natur wie Nietzsche hat das heutige Elend um mehr als eine Generation voraus erleiden müssen, - was er einsam und unverstanden auszukosten hatte, das erleiden heute Tausende.”

Joshuatree · 29.08.06, 00:41 Uhr

Philosophische Seminare halten und alles über den Haufen schmeißen, was ihr Meister/Lehrer für richtig befand, tun sie fast alle. (Auch Nietzsche, mit Schopenhauer z.B.) Genies zeichnen sich dadurch aus, daß sie das Chaos beherrschen.

Aber im Ernst: Ich halte Nietzsche für eine großen Schriftsteller und eher für einen Propheten als für einen großen Philosophen. Die drei ersten Teile des “Zarathustra” sind ein Geniestreich, der vierte erscheint mir etwas übers Knie gebrochen. Jaspers hat Nietzsche noch am fairsten von allen seinen Vorgängern/Zeitgenossen behandelt.

Ebenso genial und Beleg eines großen Denkers ist die Aphorismensammlung “Menschliches, Allzumenschliches “und bereits an “Ecce Homo” scheiden sich die Geister, ebenso wie am angeblichen Hauptwerk “Der Wille zur Macht.” Nietzsches Werk enthält eine Vielzahl provokanter Parolen, die vermutlich genau nur das sind und ihn so umstritten machen.

Opas Lieblingsphilosoph hieß John Rawls.

Neo-Bazi · 29.08.06, 01:31 Uhr

Nein, das hast Du falsch verstanden. Auch Hesse ging fair mit Nietzsche um. Ging es doch um die “höhere Existenz”, wie im “Steppenwolf” bestens beschrieben.

Wenn Ralws Dein Lieblings”philosoph” ist, wäre der Weg zu Adam Smith doch nicht weit, oder?

Joshuatree · 29.08.06, 01:48 Uhr

Ich habe mich bisher noch nicht ausführlich genug mit ihm befasst. Vermutlich werde ich seine Gedanken zur Moral nicht flächendeckend unterschreiben können.

Übrigens: du sprichst mindestens so oft von Hesse wie ich von Benn. Wir sollten vielleicht beide etwas mehr über Dostojewski nachdenken ;-)

Hast du die Frage nach der CD-Versandadresse überlesen? Jetzt fall ich erstmal wieder um, habe um 7:45 einen Arzttermin (Man hat mir einen Generalcheck aufgeschwatzt, obwohl ich zur Zeit keine neuen krankheiten gebrauchen kann).

Neo-Bazi · 29.08.06, 03:20 Uhr

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