Club der halbtoten Dichter

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Fränkische Mittelstädte im Wandel

Es ist ja meine ganz eigene Schuld. Ich hab da gestern eine blitzsaubere Themaverfehlung hingelegt mit dera Fliedergschicht. Die Analyse, warum es dazu gekommen ist, hat ja die Gitana schon geliefert und glücklicherweise auch gleich beherzt durchgegriffen. Ein Glück. Und das ging sogar, ohne dass mir Fotzen angedroht worden sind. Da sind andere nicht so zimperlich. Wurscht, ich freu mich auf jeden Fall, und drum gibts den Eintrag jetzt nochmal in einem eigenen Topf. Die Wurzeln hat er trotzdem hier, weil gepflanzt hat ihn die Zigeunerin. Danke, Vita.

Als die Nachbarin gestorben war, haben die Tochter und der Schwiegersohn zwei Architekten angeschafft, dass sie das ganze Häuschen zum Geldverdienen umbauen sollen. Das haben die dann auch gemacht. Jetzt ist das so:

Unten im Erdgeschoss sind von Herbst bis Frühjahr fast immer die Jalousien drunten. Die Leut wohnen hauptberuflich auf Ibiza, aber jetzt, wo sie selber schon in ihrem Herbst angekommen sind, mögen Sie den Sommer lieber nicht gar so heiß. Die sind schon nett und meine Eltern mögen sie, aber früher hat da halt eine Familie drin gewohnt.

Auch das Bankmädel mit dem 3erCabrio lächelt immer so, dass man ihrs glaubt, wenn man sie mal trifft. Die wohnt im ersten Stock und hat die Blumen auf ihrem verzinkten Balkon in lauter verzinkten Übertöpfen. Wenn ich bei meinen Eltern bin und das seh, dann frag ich mich manchmal, ob ihr die Blumen das nicht irgendwann mal übel nehmen. Ich glaub, sie is eine Gute, deswegen hats bislang noch keinen Blühstreik gegeben.

Nach hinten raus ist aus dem alten Partykeller, in dem wir mit der jüngeren Tochter der Nachbarin oft gefeiert haben und die leider ganz langsam und ganz schlimm gestorben ist, ein Einzimmerappartment gemacht worden. Es gibt eine Hotelfachschule in dem Städtchen, aus dem ich komm. Die füttert das Appartment regelmäßig mit Nachschub. Und es ist recht wahllos mit dem, was es so frisst.

Einen Garten gabs auch. In dem stand handgemauerter Grill und ein Wacholder und ein Brunnen, aus dem mein Papa noch Wasser geholt hat. Es gab da auch einen schmalen Streifen für Salat und einen anderen Streifen, der wohl einen Steingarten hat darstellen sollen. Ich hab da mein allererstes Zelt aufgebaut und im Winter bin ich die elend vereiste Treppe mehr als einmal nuntergefallen.

Beim Umbau haben die erst die Hälfte von dem Garten abgeschnitten und dann eine Mauer vor die Überreste geknallt. Auf der einen Seite von der Mauer gibts jetzt drei Parkplätze. Auf der andern Seite von der Mauer ist erst alles weggemacht worden, was an einen Garten erinnert hat, und dann haben die Bodendecker draufgepflanzt. Allein schon das Wort ist ganz schlimm, das sind eher Bodenabdecker, und die Pflanzen können einem leid tun, die können ja eigentlich nix dafür.

Aber den Flieder haben die stehen lassen. Ich glaub, meine Eltern haben den gerettet. Der ist so wie auf dem Bild von der Zigeunerin. Der schaut ein bisschen frech und ein bisschen zum liebhaben aus und so, wie er nun mal ausschaut, so schaut er außerdem aus. Und im Frühjahr ist der ein Grund, warum ich jetzt denk, ich sollt öfter einen Besuch machen.

6 Kommentare

Schmaler Salatstreifen - hört sich hübsch an.
Und am nächsten Tag, als das Zelt abgebaut wurde……..

la gitana · 19.05.06, 19:34 Uhr

Du glaubst also auch, daß die Blumen streiken und nicht blühen wollen, wenn Frauchen oder Herrchen böse Leute sind. Das ist nämlich so, da hilft kein noch so gutes gutes Zureden nicht.

Froh bin ich auch drüber, daß der Fliederboschen ein fliederfarbener war, so einer wie bei deiner Schwester und kein weißer. Zum weißen hab ich nämlich kein so gutes Verhältnis.

Erstens mal war der häufiger in Kempten als der weiße und zum Muttertag leichter zu klauen und zweitens hat mich meine Frau mit dem weißen zum ersten Mal geschlagen. Ich mein, andere Weiber schmeißen dir ’s Gschirr hinterher, wie sich das gehört. Aber nein, sie haut mir den weißen Flieder um die Ohren, den ich ausgerechnet auch noch zur Versöhnung kauft hab.
Sags mit Blumen, hab icht halt dacht, aber nix wars.

Fairerweise muß ich aber dazusagen, nur falls sie das liest, man weiß ja nie, daß es das einzige Mal war, wo sie mich geschlagen hat, nicht lang nach der Hochzeit. Dabei hab ich nicht einmal was Falsches g’macht, nur g’sagt halt.

Neo-Bazi · 19.05.06, 21:12 Uhr

Ja, Gitana, der war auch hübsch, der Streifen. Aber das mit dem Zelt am nächsten Tag, das versteh ich nicht. Kann aber auch sein, dass ich mich nur davor fürcht.

Edi, ja freilich glaub ich das. Die merken das.
Blede Gschicht mit dem weißen Flieder übrigens. Da fällt mir gar nix mehr ein.

Rationalstürmer · 19.05.06, 22:03 Uhr

Wenn ich in Gauting bin, kriegt sie das heute noch aufs Brot. Dann lachen alle, das funktioniert immer. Wir verstehen uns gut und wollen gemeinsam ins Altersheim, natürlich getrennte Zimmer nebeneinander, schalldicht wegen meines Geschnarches und meiner Besucher.

Neo-Bazi · 19.05.06, 22:18 Uhr

wir menschen nehmen uns schon ganz schön wichtig. dass die blumen unseretwegen streiken. freilich, sie wollen ihren gewissen irgendwie beruhigen. doch fehlanzeige. die pflanzen sind dankbar. das tut weh.

kubelick · 19.05.06, 22:30 Uhr

Also mein letzter Chef, der große Vorsitzende, hat mir zum Geburtstag eine Blume geschenkt, das ist in seiner Firma so üblich. Einen Kaktus weil der angeblich zu mir passt hab ich mir gewünscht . Und was passiert? Der wächst wie der Teufel und blüht garantiert bald. Obwohl ich kaum mit ihm sprech, bis auf “Hallo Kaktus, alles klar?” hin und wieder.

Sooo schlecht kann ich also nicht sein.

Neo-Bazi · 19.05.06, 23:26 Uhr

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