Nachdem ich zu Hause meinen Zahnlückenbericht abgeliefert habe, mache ich mich sofort wieder auf die Socken. Eine Schnupperwoche ist angesagt. Was ich antreffe, ist ziemlich ernüchternd. Die Heuerbteilung (Lohnbuchhaltung) besteht aus meinem Vorgänger und zwei weiblichen Halbtagskräften. Alle drei sind überaus tüchtig und haben die Sache fest im Griff. Aber: die Arbeitsweise ist vollkommen unzeitgemäß, der internationale Zahlungsverkehr wird noch von Hand mit Hilfe herkömmlicher Rechenmaschinen erledigt. Dabei wächst die Flotte ständig, mindestens 20 Neubauten sind geplant.
Auf einem einzigen alten Rechner sind lediglich die Ziehscheine der Gilbertesen gespeichert (monatliche Überweisungen in Australdollar auf die Gilbert-Inseln). Das Programm hat der Finanzchef der Firma für die Abteilung erstellt, niemand von uns kann mit einem Rechner umgehen und außer mir will das auch keiner, ähnlich wie sich seinerzeit meine Frau Mama gegen die Anschaffung eines Kühlschranks zur Wehr gesetzt hatte.
In meinem Kopf entsteht ein erster Plan, den ich jedoch zunächst für mich behalte. Ich mache einen Antrittsbesuch bei unseren KollegenInnen der Hamburg-Süd gleich um die Ecke und informiere mich, wie die das machen. Dort ist natürlich alles auf neuestem Stand.
Unser Chef erwartet lediglich, daß der gute Ruf der Firma im Zahlungsverkehr erhalten bleibt. Das deckt sich mit meinen Interessen. Ich buche Abendkurse an der Volkshochschule in Denhaide (Word, Excel und computergestützte Personalabrechnung). Jetzt habe ich eine 120-Stunden-Woche.
Meine Freundin Antonia verschafft mir für den Anfang eine Bude in Farmsen:

Mit dem Kleinbus der Reederei besorgen wir den Umzug vom Allgäu nach Hamburg. Nur das Wichtigste wird mitgenommen.
Bald schon halte ich es dort aber nicht mehr aus, vor allem wegen des unter mir wohnenden Hausgenossen. Ein stimmgewaltiger Opernbariton, nie vorher in meinem Leben habe ich jemand so falsch singen hören. Also ziehe ich um nach Sankt Georg in ein 1 1/2 Zimmer Apartment:

Die Bude muß erst renoviert werden, mein Nachbar Gerd aus Lauben erledigt das zwischen Abitur und Studium. Auch Joe taucht auf und unterstützt mich, wenn ich abends um Zehn aus dem Büro komme und ein paar Schiffe zum Abrechnen aus der Tasche ziehe. Dann ist Nachtschicht angesagt.
Ohne ihn aber wäre alles nichts geworden:

Gunnar, ein Hamburger Azubi, rotzfrech aber ziemlich fit in Excel.
Wenn er einmal nicht weiter weiß, telefoniert er mit seinem Kumpel, einem totalen Excel-Fuchs. Als dieser ihn wohl fragt, für wen er das alles wissen will, sieht er mich an und antwortet ins Telefon: “halt auch so eine Nullgurke.” Auch er hilft mir sogar nach Feierabend zu Hause und wenn es spät wird, pennt er gleich da. Ein prima Kumpel.
Später nehme ich Christian, ein Straßenkid, drei Monate lang bei mir auf, danach ein halbes Jahr lang Jule, die Freundin meines Stiefsohns. Wenn mich meine Enkel besuchen, gehen wir ein paar Schritte bis zur Alster:

Gegen uns haben Mama Cornelia und Chris keine Chance im Tretboot-Race.
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