Hardy
Die Fregatte „Braunschweig“ befand sich mit neuer Besatzung zum Rollenschwof in der Nordsee, als das Telegramm mit der Nachricht von deiner Existenz bei uns eintrudelte. Damals, am 28. Februar 1966, war ich fünfundzwanzig und der Fernmeldeoffizier ließ im Funkraum Sekt auffahren.
Zwei Tage später, im Krankenhaus an der Memminger Straße in Kempten, sind wir uns das erste Mal begegnet. Eine Krankenschwester führte mich zu einem großen Glasfenster, im Raum dahinter lag gut eingepackt etwa ein Dutzend neugeborener Menschenkinder. Dann ging sie hinein, griff sich - wie mir schien recht wahllos - eines der Bündel und kam damit auf mich zu. Wenn du das wirklich gewesen bist hinter der Scheibe, warst du ziemlich verschrumpelt und nicht besonders schön. Dann hast du ein Auge halb geöffnet, mich müde angeblinzelt und losgebrüllt wie am Spieß. Sofort stimmten deine Mitbewohner wie auf Kommando in das Konzert mit ein und ich habe in Panik die Flucht ergriffen. Obwohl die Schwester lachte – ich glaube, sie hat mich ausgelacht - nichts wie weg.
Weil ich Seemann war und nicht lange bleiben konnte, ließ man deine Mammi noch am selben Tag nach Hause. Dich durften wir mitnehmen.
Nun waren wir zu viert in dem kleinen Haus oberhalb von Betzigau, am Rande des Kemptener Waldes. Da lagst du nun in deinem winzigen Bett und hast die meiste Zeit gelacht.
Lachen, das war das erste, was du konntest. Dabei hast du ausgesehen wie ein kleiner Chinese, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt und die Mundwinkel hochgezogen bis fast an die Ohren. Ich habe mich sofort in dich verliebt.
Als du vierzehn warst, hat dich Mama für ein paar Tage zu mir an Bord geschickt. Die Reise ging von Bremerhaven nach Huelva in Spanien. Das Schiff fuhr in Ballast, also ohne Ladung. Nach Verlassen der Weser bekamen wir Nordwest mit Stärke 9 bis 10 genau von der Seite. Der Dampfer rollte fürchterlich, fast das ganze Geschirr ging zu Bruch, alle Fernseher wurden aus ihren Halterungen gerissen. Keiner konnte in dieser Nacht schlafen. Sogar unsere Gilbertesen – ausgezeichnete Seeleute – irrten durch die Gänge und halfen mir, den Schrott über Bord zu werfen.
Und du? Du lagst in deiner Koje und hast gelacht. Wahrscheinlich hast du dich gefühlt wie in der Achterbahn auf dem Oktoberfest.
Eines Tages im Sommer darauf – wieder in München – holten wir dich um Mitternacht in Reinhards Auto von einer Party an der Isar ab. Wir kamen vom Griechen, aber du warst leicht alkoholisiert und hast nicht bemerkt, dass wir alle nach Knoblauch stanken. Nach einer Weile legtest du deinen Arm um meine Schulter und sagtest: „Weißt du was, du bist mein bester Freund.“ Da musste ich ganz schön schlucken.
Nach Stefans Entgiftung haben wir zusammen bei dir übernachtet. Du hast keine Fragen gestellt sondern ihn aufgenommen wie einen Bruder und uns am anderen Morgen zum Flieger gebracht. Am Flughafen hattest du wieder dein chinesisches Grinsen aufgesetzt, wohl um uns Mut zu machen für unser Vorhaben.
Ende Januar, in Reinhards gemütlichem Keller, wußtest du schon, dass es keine Rettung mehr gab. Die Chemo hatte dich äusserlich sehr verändert und die Schmerzen kamen in immer kürzeren Wellen. Aber wir waren auf einer Zeitreise und bei den Gedanken zurück war es ganz kurz noch einmal da, dieses Lächeln, das ich so vermissen werde.
Als ich fünf Tage vor dem Ende wieder an dein Bett trat, wurde ich mit den Worten begrüßt: “Was verschafft mit denn die Ehre?” Dein Geist war bis zuletzt völlig klar obwohl die Morphiumpumpe schon ohne Unterbrechung arbeiten musste.
Am vorletzten Nachmittag, unter wahnsinnigsten Schmerzen, sagtest du endlich: “Gib mir deine Hände, Edi.”
Ich weiß nicht, ob meine Hände dir noch helfen konnten, aber mir haben deine Worte sehr geholfen. Nun durfte ich wieder dein Vater sein.

Wir sagen Tschüß aber wir werden dich nie vergessen.
Markus und Edi 
*
Ende