Seit einiger Zeit verschrieb ich einen Teil meiner Freizeit der Studie und Recherche der Werke von der guten Jane Austen. Wie ich herausfand, ist sie in ihrer Popularität das weibliche Pendant zum Nationalhelden Mister Shakespeare. Ihre Werke sind neben denen Chaucers und des eben genannten mutmaßlichen Gentleman, Pflichtlektüre an der Schule und keiner der englischen Schriftsteller genießt eine breitere Fangemeinde als diese Dame und wird als königliches Kulturgut geschätzt und verehrt.
»Stolz und Vorurteil« war meine Eintrittskarte in die Welt dieser Schriftstellerin und ist zugleich das beliebteste und prominenteste ihrer Werke.
Die Geschichte ist charmanterweise voller Mißverständnisse. Und ich meine, just dieser Aspekt verleiht ihr die notwendige Spannung und rettet sie von der Vorhersagbarkeit eines mondänen Liebesromans.
Wie jede Austen Geschichte, beschäftigt sich auch diese mit der anspruchvollen Aufgabe des vorteilhaften Heirats. Hierüber können keine Zweifel entstehen, denn der berühmte Eröffnungssatz des Buches kündigt dieses Thema unmißverständlich an.
»It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.«
Kurz danach erfährt der Leser, daß es gleich fünf Töchter zu verheiraten gilt: ein Unterfangen, welches die Mutter (als auch Jane Austen) bis hin zur Besessenheit vereinnahmt.
(Daß J.A. selbst unverheiratet blieb, stellt, zumindest für mich, einen Widerspruch dar. Doch hierzu, ein anderes Mal. Faszinierend auch das Phänomen, daß diese Thematik sich auch nach Suffragette und der explosiven Fortsetzung der Frauenbewegung im 20. Jhrt eine kulturübergreifende Beliebtheit erfreut.)
Da es mir um die filmische Umsetzungen dieses Buches geht, möchte ich wenig über den Plot erzählen. Interessierte können sich im Netz ausreichend informieren und/oder das Buch lesen. (Da ich sie auf englisch laß, bürge ich nicht für die deutsche Übersetzung.)
In ihrer Welt angekommen und von deren Magie verführt, begann ich zu lesen und zu gucken. Ich verschlang und bemühte mich durch die ersten großen Werke, also »Sinn und Sinnlichkeit«, »Mansfield Park« sowie »Pride und Prejudice«. Zugleich unternahm ich cineastische Eskapaden und beurteilte und verurteile die cinematografischen Umsetzungen der Bücher. Zu aller letzt sah ich, in voller Länge, die überaus gelobte BBC-Adaptation. Mit entsetzen.
Die scheinbar unantastbare BBC-Verfilmung bleibt dem Werk sklavisch treu. Doch ich habe selten einen Film gesehen, worin immerzu gelächelt wird und die Lichtverhältnisse eher an einer Jack-Daniels-Werbespot als an die englische Hügellandschaft denken lassen.
Elisabeth Bennet ist, laut Jane Austen, noch nicht 21. Die Hauptfiguren der BBC-Produktion sind 5 bis 10 Jahre älter, als es die Schriftstellerin vorgesehen hat. Mr Darcy (Collin Firth, 46) wie auch sein Rivale Mr Wickam (Adrian Lukis, 47) erscheinen zu töricht und unreif für ihr Alter. Bei aller »Suspension of disbelief« verlangt unsere Vorstellungskraft einen jung aussehenden Romeo, wie auch einen jungen Mr. Darcy und Mr. Wickam.
Der weibliche Teil des Königreichs jübelte, als Millionen von englischen Frauen Mr Firth in der begehrenswerte Rolle des Mr. Darcy erleben dürften. Doch mich hat er nicht überzeugt. Weder gelingt es Mr. Firth die Transformation, welche Mr Darcy durchleben sollte, glaubwürdig rüber zu bringen (einer der wichtigsten Aufgaben im Stück) noch anderweitige Charaktereigenschaften zu vermitteln, wie die beispielhafte Fürsorge für seine Schwester und Loyalität seinen Freunden gegenüber. So sehr ist der Schauspieler darauf bedacht, einen Gentleman nach dem noch nicht reformierten Kodex, darzustellen - kühl, gütig und gerecht, unnahbar, höflich, emotional beherrscht und gebildet - daß seiner Anstrengungen ihn wie einen gefühllosen, bornierten Snob erscheinen lassen. Also, niemand, der unsere Sympathie gewinnen kann und Niemand mit dem wir assoziieren möchten. Zumindest ich nicht. Bliebe dies nur der erste Eindruck, welcher Lizzy (und uns) zu ihrer (und unserer) Fehleinschätzung führen sollte. Doch Mr. Firth beharrt auf die höhnische Ökonomie der Gefühle bis zum Schluß, so daß die Wandlung von Verachtung zu Verehrung, wieso vieles in dieser Produktion, unglaubwürdig und geradezu verspottend wirkt.
Die Sonne scheint unerbittlich, jede Locke sitzt perfekt, niemand weint, niemand schreit, alle sind ganz nett, also förmlich und gentil, trinken Tee und pfurzen nicht. Die Atmosphäre ist aufgesetzt und unauthentisch, wie das Lächeln und die, nicht wie man hofft, ökonomische, sondern geizige und somit auch enttäuschende Darbietung von Colin Firth. Die Bennets treffen sich, beispielsweise zum Frühstück als wären sie in Buckingham Palace zu Besuch: steif und spröde, keine Spur von Familienleben, Vertrautheit und Nähe. Ja, Menschlichkeit. Vielleicht ist es so und ich bin zu amerikanisch oder zu wenig englisch um die Authentizität dieser Darstellung zu schätzen.
Die Angst, Elisabeth Bennet als auch Mister Darcy falsch zu besetzten kann ich nachvollziehen. Beim lesen des Buches erschafft jeder seine eigene Vorstellung der Hauptfiguren, schließt sie ins Herz und klammert liebevoll an ihnen. Doch es ist keine Ausrede, den Charakteren aus diesen Bedenken gar kein Leben einzuhauchen und sie als Projektionsfläche für die Fantasie der Zuschauer zur verfügung zustellen. Sollten diese Bedenken an Kraft gewinnen und der Gedanke rumspuckt, aus Zuvorkommendheit den Zuschauern ihre Fantasie Raum zu geben, muß man den Vorhaben seine Interpretation und seine Fantasie auf die Leinwand bringen zu wollen und somit anderen mitzuteilen, lieber lassen. Beides geht nicht. Da kann man doch getrost beim Buchlesen bleiben. Ich glaube, es ist durch diese Ehrfurcht, dieses Zaudern, das gesamte Bemühen der BBC-Crew zum Scheitern verurteilt war.
Die schauspielerische Leistung mag im einzelnen nicht zu beanstanden sein, denn ich glaube fest daran, daß es oftmals am Regisseur liegt, daß die Schauspieler »nicht dürfen» und nicht unbedingt »nicht können«.
Nun ein Paar Worte zu der Wright-Verfilmung und weshalb sie sehenswert ist, im Gegensatz zu der langatmigen Kostüm- und Schminke-Extravaganz der BBC-Adaption. Gewiß kann man sich in jüngster Zeit an Miss Knightly satt sehen. Doch nicht ihretwegen ist der Film gelungen. Er ist authentisch, hat ein schönes Tempo, ist unverschämt lustig und bewegend. Er ist realistisch und ehrlich. Und wo andere Jane-Austen-Verfilmungen auf der Märchenebene verharren, steigt Mr. Wright herab auf dem Boden und erlaubt uns daran zu glauben. Es könnte sich so Vorgetragen haben. Es könnte sich so Vortragen.
Es empfiehlt sich das Original zu kennen, denn, um die Geschichte auf die Leinwand zu bringen, ist man gezwungen sie zu straffen. Einige Kürzungen sind unvorteilhaft gewählt und lassen wichtige Fragen offen.
13 Kommentare
Kommentar hinterlassen
* = Pflichtfelder, E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht