Deutschland und der Regionalismus
„Die Deutschen sind ein Volk, die – wenn sie gefragt werden – nicht zu ihren deutschen Nationalität stehen können, sondern sich lieber als Bayern, Schwaben, Franken, usw. bezeichnen.“
Diese Aussage stammt im ungefähren Wortlaut aus einem Buch, das in Amerika erschien. Jedoch nicht in unserer Zeit, sondern um 1930.
Normalerweise nehmen wir an, dass die Deutschen seit dem Naziregime eine kollektives schlechtes Gewissen mit sich herumtragen und somit ein Problem mit ihrer Nationalität haben. Wenn aber das nationale Zugehörigkeitsgefühl bereits vor dem faschistischen Regime gestört war, so liegt das wohl daran, dass Deutschland schon immer grossen Umwälzungen unterworfen war und nie lange Zeit zentral regiert wurde so wie Frankreich beispielsweise durch Paris. Die jetzigen Bundesländer, früher Fürstentümer haben anscheinend mehr Identifikationscharakter als eine grosse Deutsche Masse.
Von dem immerwährenden Nord-Süd Gefälle zwischen Preussen und Bayern ist seit der Wiedervereinigung nun das Ost-West Gefälle hinzugekommen. Inzwischen hat man bemerkt, dass dieselbe Sprache und ein paar Jahrzehnte gemeinsamer Geschichte in einem einheitlichen deutschen Nationalstaat noch keine Garantie für ein inniges Zusammenleben sind. Deshalb spucken Deutsche auf beiden Seiten der alten Demarkationslinie täglich Gift und Galle: Faule Schmarotzer, die sich von uns nur durchfüttern lassen, heisst es im Westen über den Osten. Neunmalkluge Besserwisser ohne Herz und Charakter, die das Leben überhaupt nicht kennen, schimpft man im Osten über den Westen.
Merkwürdigerweise scheinen sich beide Seiten mit jedem Jahr des Zusammenlebens weiter voneinander zu entfremden. Wenn man Ossis um eine Charakterisierung ihrer westlichen Verwandtschaft bittet, dann klingt das wie eine Beschreibung des Klassenfeindes: Rücksichtslos seien die Wessis, überheblich und aufs Geld bedacht, ausserdem liebten sie ihr Geschäft mehr als ihre Kinder. Die Ossis, versteht sich, sehen sich als das genaue Gegenteil. Nur zwei Eigenschaften schreiben sie allen Deutschen gleichermassen zu: den Fleiss und die Gründlichkeit.
Zuflucht sucht unser zum Zusammenwachsen verurteiltes Volk in Witzen, und die aus dem Osten sind vielleicht nach der sowjetisch geprägten Schule etwas bitterer:
Sagt verächtlich der Wessi zum Ossi: „ Ihr kämpft ja nur fürs Geld, wir aber für die Ehre.“ „Richtig“, sagt der Ossi. „Jeder kämpft um das, was ihm fehlt.“
Deutsche Gemütlichkeit
Der Begriff Gemütlichkeit hat im deutschen eine Bandbreite, welche die Vorstellungskraft eines Aussenstehenden sprengt. Ein drastisches Beispiel: Als gemütlich gilt auch eine Ansammlung mehrerer hundert johlender, lärmender, schunkelnder Menschen, die sich im Zustand fortgeschrittener Alkoholisierung befinden und zu den falschen Tönen eines Blasmusikorchesters wiederholt in den Ruf ausbrechen: „Ein Prosit der Gemütlichkeit!“
Ausländische Beobachter sprechen dabei von einer „erbarmungslosen Gemütlichkeit“ der Deutschen.
Gemütlich sein kann neben einem orgiastischen Massenbesäufnis fast alles: ein Zimmer, ein Restaurant, ein Sofa, ein Abend, ein Kaffeeklatsch, sogar ein Mensch.
Auf alle Fälle bedeutet Gemütlichkeit bis heute eine Verneinung der Realität, und allein deshalb ist sie in der Tat eine treudeutsche Angelegenheit. Eine gemütliche Kneipe etwa, lässt die harte, böse Welt draussen vor der Tür, und auch in einem gemütlichen Abend, den man sich auf dem gemütlichen Sessel bei einem gemütlichen Glas Tee macht, darf der kalte, graue Alltag nicht eindringen.
Man merkt, ein grosser Teil der Gemütlichkeit findet in den Häusern statt. Wo wir auch schon bei der nächsten Eigenheit der Deutschen wären.
„Schaffe, schaffe, Häusle baue und net nach de Mädle schaue“, lautet der schwäbische Wahlspruch und dieser Drang nach dem Eigenheim hat sich im ganzen Land ausgebreitet. Manchmal hat man den Eindruck, als ob Kolonnen von Reihenhäusern und Doppelhaushälften aus ihren Brutrevieren im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb aufgebrochen und unter dem Kommando von Bausparkassen in Reih und Glied durch die ganze Republik marschiert seien.
Zur deutschen Gemütlichkeit gehört auch ganz klar das Weihnachtsfest. Kein anderes Fest ist mit so klaren Erwartungen behaftet, kein anderes Fest oftmals eine solche Enttäuschung. Der deutsche Weihnachtsbaum hat seinen Siegeszug über Grossbritannien in die ganze Welt angetreten. Ursprünglich waren dort Mistelzweige zu Weihnachten in Gebrauch. Ein deutschstämmiger Prinz am Königshaus jedoch wollte nicht auf seinen Christbaum verzichten und nachdem die Königsfamilie dem Wunsche nachkam, zog die halbe Welt nach.
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(f)
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