Penibel, pingelig, perfektionistisch
Ordnung, Disziplin, Perfektion
Eine Kominternsitzung im Moskau der dreissiger Jahre. Alle Delegationen der internationalen Bruderparteien waren schon im Kreml versammelt, nur die deutschen Genossen fehlten noch. Schliesslich wurde selbst Stalin unruhig, und er befahl, Nachforschungen über den Verbleib der Deutschen anzustellen. Sie galten als zuverlässig und korrekt, es musste ihnen etwas zugestossen sein.
Nichts dergleichen war geschehen: Man fand die deutschen Vertreter der kommunistischen Internationale, wie sie beunruhigt auf dem Bahnsteig des Weissrussischen Bahnhofs in Moskau auf und ab gingen. Schon seit Stunden, so monierten sie, warteten sie darauf, dass jemand ein Loch in ihre Fahrkarten stanzte, damit sie endlich das Bahnhofsgelände ordnungsgemäss verlassen und zu Väterchen Stalin in den Kreml weiterfahren könnten.
Der Deutsche an sich:
Bleibt an einer roten Fussgängerampel stehen, selbst wenn es tiefste Nacht ist, kein Verkehr zu hören, geschweige denn zu sehen ist und sogar Igel sich über die Strasse wagen.
Wenn man sich fragt, wieso die Deutschen so obrigkeitshörig, so pedantisch, so korrekt sind, so liesse sich dies durch folgende Theorie erklären:
Die Deutschen lieben die Ordnung, die Sicherheit, die Überschaubarkeit, weil sie in den tiefsten Abgründen ihres Herzens eigentlich Anarchisten sind und einen unkontrollierten Ausbruch ihrer Gemütsregungen fürchten. Sicher, der Zollbeamte, der Strassenbahnschaffner, die Verkäuferin, der Oberkellner, und wen man sonst sich so vorstellen möchte, dürfte etwa ebensoviel anarchische Ausstrahlung besizten wie ein rotgewürfeltes Küchentuch.
Aber vielleicht ist das alles nur Mimikry, Tarnung und Selbstschutz. Man denke nur an Fussballstadien, die Musik von Gustav Mahler oder Richard Wagner. Und hatten nicht all die militärischen Eskapaden der Deutschen im letzten Jahrhundert bereits eine vorzivilisatorische, gewissermassen sehr unordentliche germanische Götterdämmerung als Ende einkalkuliert?
Im Laufe der Geschichte sind die Deutschen ein gebeuteltes Volk voller Neuanfänge, Chaos, Wirrwarr und Unsicherheiten so dass sie wohl die Ordnung zu schätzen gelernt haben. Die Deutschen verwenden einen grossen Teil ihrer Zeit, ihrer Energie, vor allem ihres Geldes darauf, sich nach allen Seiten hin abzusichern. Dafür gibt es Versicherungen, die nicht von ungefähr zu den grössten und wohlhabensten Unternehmen des Landes zählen. Anders als in Amerika, das nicht minder venarrt in Versicherungen ist, wird dieses Sicherheitsdenken in Deutschland vom Staat nach Kräften gefördert. Jeder werktätige Staatsbürger ist verpflichtet, in eine Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung einzuzahlen. Schliesst er zudem eine Lebensversicherung ab, so kann er deren Prämien von der Steuer absetzen.
Daneben bieten die Assekuranzen eine umfassende Palette von Versicherungen an – von A wie Ausbildung bis Z wie Zusatz für den Zahnersatz. Dazwischen wird für jegliche Unbill, ob Hagelschlag oder ein verdorbener Urlaub, finanzieller Ausgleich versprochen. Mittlerweile gibt es Leute, die überversichert sind und vor lauter Prämienzahlungen kein Geld mehr fürs Leben übrig haben. Was ihnen fehlt ist eine Versicherung, die einen vor solchem Malheur bewahrt.
Wer nun aber meint, dass sich die Deutschen in diesem feingesponnenen Kokon wohl fühlen, der hat sich geirrt. Der Deutsche ist vielmehr leicht zu verunsichern und generell recht krisenanfällig – so sehr, dass er eine Krise ausmacht, wo es keine gibt. Verfolgt man einmal über längere Zeit hinweg die Massenmedien, dann erkennt man leicht die Symptome. In regelmässigen Abständen nämlich fragt sie die Nation selbstquälerisch, ob sie denn noch zu etwas tauge.
Kein Anlass ist zu nichtig oder zu weit hergeholt. Kein Deutscher hat in diesem Jahr einen Nobelpreis erhalten? Schon werden Serien und Leitartikel mit dem Titel „Deutschlands Forschung in der Krise“ verfasst. Eine Neuinszenierung in Bochum wird ausgebuht? Theater in der Krise. Eine Umfrage in einer französischen Frauenzeitschrift fällt wenig schmeichelhaft für deutsche Liebhaber aus? Der deutsche Mann in der Krise. Die Zuschauerzahlen in den Kinos sind rückläufig? Der deutsche Film in der Krise. Alle Abhandlungen über die mannigfachen Krisen kommen indes nie zu einem Ergenis. Im allgemeinen tröstet man sich leidlich damit, dass es gegen bestimmte Dinge nicht einmal in Deutschland letzte Sicherheiten gibt.
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(f)
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