Dass man einen Menschen niemals wirklich kennt, stellt sich manchmal erst sehr spät heraus.
Tante Marie war ein solcher Mensch. Als feststand, dass wir uns trennen würden hatten meine Frau und ich die größte Angst davor, ihr diesen Entschluss mitzuteilen. Bei den Eltern ging es leichter. Wir erwarteten eine Belehrung über die Heiligkeit des Sakraments der Ehe und Tränen.
Nichts dergleichen geschah. Ihr Kommentar war nur: “Ich weiß schon lange, dass ihr nicht füreinander bestimmt seid.”
Ihre Briefe begannen immer mit der Anrede “Lieber, guter Edi.” Also hat auch sie nicht gewusst, wer ich wirklich war.
In ihrer Jugend soll sie eine lebenslustige Person gewesen sein, mit Freund, Faschingsball und allem, was dazu gehört. Irgendwann einmal wurde sie ganz fromm, niemand kannte den Grund für die plötzliche Erleuchtung.
Als Kind wurde ich oft von der Füssener Straße zum Reichelsberg geschickt, wenn zu Hause gar nichts mehr da war. “Geh und frag, ob sie nicht ein Pfund Mehl und eine Tasse Zucker für uns hat.” Nie kam ich leer zurück.
Immer gab es dort auch wenigstens ein Schmalzbrot, manchmal war sogar Butter auf der Stulle. Dann wurde ich ermahnt: “Das musst du aber mit Verstand essen!” Wahrscheinlich wären wir ohne sie in der Nachkriegszeit verhungert.
Später hat sie für die elfköpfige Familie meines Bruders alles getan, was in ihrer Möglichkeit lag.
Neben einer kleinen Rente verdiente sie sich ein paar Mark durch Gräberpflege auf dem katholischen Friedhof. Um einige Gräber, darunter das des Strafverteidigers Fichtel, kümmerte sie sich ohne Bezahlung. Er hatte seinerzeit dafür gesorgt, dass Vater und Bruder nicht ins Gefängnis mussten. Manchmal habe ich beim Gießen geholfen, obwohl ich lieber Fußball gespielt hätte.
Aber wir machten auch Ausflüge und Busreisen mit Würstchen und Limo. Meist wurden Kirchen und Klöster besucht. Die weiteste Fahrt ging nach Augsburg.
Tante Marie lebte mit ihrer ebenfalls unverheirateten Schwester Magdalena bis zu deren qualvollem Tod zuerst auf dem Reichelsberg und später im Haus Fürstenstraße 29 unzertrennlich zusammen. Hauptsache war immer eine schöne Aussicht, die Türme der St.Lorenz-Kirche mussten zu sehen sein, Das Schleppen von Holz und Kohle die Treppen hinauf wurde ohne Jammern ertragen.
Im Altersheim am Adenauerring wurde sie dann von der katholischen Kirche, für deren caritative Vereine sie im Laufe vieler Jahre ein Vermögen zusammengebettelt hatte, im ausgebauten Kellergeschoß untergebracht. Sie hat sich nicht beklagt aber die Depressionen wurden tiefer.
Als ich mich dort im Februar 1975 zum letzten Mal von ihr verabschiedete, hat sie mir lange nachgesehen und geweint. Ich bin sicher, sie hat es gewusst. Sie starb am selben Tag, an dem mein Freund Klaus an Bord tödlich verunglückte
Im Frühjahr 1997 besuchte ich noch einmal den alten Bischofsdom der Fuggerstadt. An der Klagemauer hängt seither dort neben vielen ähnlich lautenden Fürbitten auch ein Zettel mit dem Text: “Lieber Gott, bitte hilf, dass Stefan clean bleibt und bewahre Gerd und Joe vor diesem Schicksal.”
Auch an Tante Marie habe ich dabei gedacht.
Du wirst den Zettel gesehen haben, denn nun wohnst du bestimmt nicht mehr im Keller sondern hast eine schöne Aussicht von dort droben. Mach’s halt wie früher und bettle ein bisschen für andere Leute.
Weißt du noch, du hast mir damals auch einen Zettel mitgegeben auf große Fahrt:
Segle ruhig weiter
Wenn der Mast auch bricht
Gott ist dein Begleiter
Er verlässt dich nicht
Er steckt bis heute hinten im Seefahrtbuch und hat mich durch alle Stürme begleitet.
Irgendwie muss Tante Marie mit Mutter Theresa verwandt gewesen sein.
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