Club der halbtoten Dichter

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Geisterfahrer

Fahren Sie gern Auto? - Ich liebe es, wenn es nicht gerade nachmittags um halb fünf quer durch die verstopften Straßen der Stadt ist. Im Gegenteil, stellen Sie sich eine warme Sommernacht vor, Sie hatten einen netten Abend mit Bekannten und haben gerade den Freund nach Hause gefahren, der etwas getrunken und höflichkeitshalber noch protestiert hat, daß seine Wohnung ja gar nicht auf Ihrem Heimweg läge. Natürlich tut sie das auch nicht, genaugenommen ist es ein Umweg von gut 30 Kilometern, der zu fahren ist, aber das macht nichts wenn man noch nicht müde ist und gern nachts fährt.
So stelle ich also die Rückenlehne etwas zurück, drehe das Radio lauter, nur um nach zwei Minuten eine Kassette einzulegen, weil sämtliche Sender Musik spielen, die gerade gar nicht meiner entspannten Stimmung entspricht, und zünde mir eine Zigarette an. Ich setze automatisch den Blinker, als ich in die Landstraße einbiege und frage mich kurz schmunzelnd, für wen ich denn da eigentlich blinke; das letzte Auto ist mir vor einer halben Stunde begegnet. Es ist wirklich ein ganz eigentümliches Gefühl, das sich da in mir ausbreitet, ganz friedlich, umgeben von der matten Beleuchtung der Armaturen und des Radios. Die Scheinwerfer treiben einen Keil aus angenehmen Licht in die Finsternis vor dem Wagen, erhellen Mittelstreifen, Begrenzungspfähle, Büsche und die Straße, die mich durch die Nacht und ein Niemandsland aus Musik, Zigarettenrauch, gedämpften Gedanken und dem leisen Brummen des Motors führt. Durch das einen Spalt geöffnete Fenster strömt die angenehme, unverbrauchte Luft von draußen ins Innere des Wagens, während ich mich dazu entschließe, den Umweg noch etwas auszudehnen und über die Autobahn zu fahren.
Außer ein paar Lastwagen ist hier zum Glück nicht viel mehr los als auf der Landstraße, also beschleunige ich etwas und lasse die Lastwagen hinter mir zurück. Ich weiß nicht, ob die Fahrer der Brummis dasselbe fühlen wie ich, wenn sie nachts über endlose Entfernungen hin immer weiter fahren, aber ich fühle mich Ihnen in diesem Moment irgendwie verbunden, als ob wir ein gemeinsames Geheimnis teilen würden. Deshalb grüße ich sie mit einem freundlichen Nicken im Vorbeifahren, obwohl ich weiß, daß sie es nicht sehen können. Normalerweise würde ich mir albern vorkommen, aber hier ist niemand, vor dem ich mich verstellen oder rechtfertigen müßte. Die sanfte Kurvenführung der großen Straße verschwindet gleich hinter dem Lichtkegel der aufgeblendeten Scheinwerfer im Ungewissen. Wenn man sich ein bißchen auf dieses Gefühl einläßt, könnte man ewig so weiterfahren.
“…mit einer Verkehrsmeldung. Achtung Autofahrer, auf der…” Ich schrecke aus meinen wehmütigen Gedanken hoch. Eine der wirklich großartigen Erfindungen, die einem die Verkehrsdurchsagen auch während einer Kassette im Radio nicht vorenthalten will, noch dazu meistens unverhältnismäßig laut. “…Fahrzeug entgegen. Bitte fahren Sie äußerst rechts…” Endlich. Ich kann mir nie merken, wie man dieses Ding abstellt, SDK und DRS und wie sie alle heißen sagen mir nicht viel, aber ich muß wohl den richtigen Knopf erwischt haben. Mit einem leisen Kopfschütteln fällt mir ein, daß ich bis heute nicht begriffen habe, wie man auf die falsche Spur einer Autobahn geraten kann, und warum man dann auch noch mit unverminderter Geschwindigkeit weiterfährt. Ich wende die Kassette und sehe hoch zum Mond, der mich mit gleicher Geschwindigkeit am Himmel zu begleiten scheint.
Von wem in der Durchsage vorhin auch immer die Rede war, ich habe ihn kurz darauf getroffen. Oder er mich, je nachdem. Hinter einem Hügel sah ich plötzlich zwei weitere aufgeblendete Scheinwerfer und die Nadel meines Tachometers stand trotz meiner reflexartigen Vollbremsung immer noch auf 140 km/h, als sich alles im gleißenden Licht dieser Scheinwerfer verlor.

Fahren Sie gern Auto? - Ich liebe es, vor allem nachts, wenn es warm ist und außer mir fast niemand mehr unterwegs ist. Es ist wirklich ein ganz eigentümliches Gefühl, das sich da in mir ausbreitet, ganz friedlich, umgeben von der matten Beleuchtung der Armaturen und des Radios. Die Scheinwerfer treiben einen Keil aus angenehmen Licht in die Finsternis vor dem Wagen, erhellen Mittelstreifen, Begrenzungspfähle, Büsche und die Straße, die mich durch die Nacht und ein Niemandsland aus Musik, Zigarettenrauch, gedämpften Gedanken und dem leisen Brummen des Motors führt.
Ich kann ewig so weiterfahren, und wenn ich aus dem Seitenfenster sehe, sieht es so aus, als ob mich der Mond mit gleicher Geschwindigkeit begleiten würde.

vectra03

3 Kommentare

TITLE: Auch Mobil
Ich fuhr mit meinem Pekawe
Auf einer Strasse voller Schnee.
Als ich um eine Kurve rauschte,
Dem Klang von Fat Boy Slimmen lauschte,
Da stand dort plötzlich quer im Weg
Ein BMW - mit Privileg.
Ich auf die Bremse, lenk zur Seite,
Stech in den Schneeberg, und so weit ich
seh´bin ich gerettet,
sanft in das weiche Nass gebettet.
Doch plötzlich hinterrücks ein Blenden,
Kaum hab ich Zeit mich umzuwenden,
Da kracht es mir schon auf das Heck,
Ein Bus, VW, und ich mit Schrecken
Denk mir noch: So nimmt das Glück,
Mit Garantie sich selbst zurück.

noiseferatu · 31.05.05, 13:52 Uhr

TITLE: Welcome,
faites comme chez vous!

neo-bazi · 31.05.05, 15:55 Uhr

[…] Joey Guitar - macht die Technik […]

Club der halbtoten Dichter » Wir als solche · 06.10.06, 09:17 Uhr

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