
Klaus Fiutak
Sommer 1975 im Persischen Golf. Im Iran herrscht der Schah, die Wirtschaft boomt. Vor jedem Hafen liegen bis zu 120 Schiffe auf Reede und warten auf Abfertigung. Unter 6 Wochen Wartezeit läuft gar nichts. Die mörderische Hitze und der eintönige Tagesablauf stellen die Besatzungen auf harte Proben. Auf der Reede von Kuwait messen wir 55 Grad an Deck. Öffnet man den Mund, fährt einem der heiße Wüstenwind wie eine glühende Faust die Kehle hinab.
MS “Heide Leonhardt” hat es geschafft. Nach einem halben Jahr im Golf haben wir in Bandar Abbas den Rest einer Ladung Stückgut gelöscht und passieren die Straße von Hormuz mit Kurs auf Maputo in Mozambique. Ladehafen wird zwar Durban in Südafrika, doch aufgrund des UNO-Boykotts gegen das Land der Apartheid wird für die Ladung Mais nach Mexiko in den Papieren später Maputo, das frühere Lourenco Marques, als Ladehafen erscheinen. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den südafrikanischen Nachbarn läuft reibungslos.
Außerhalb der Wachzeiten halte ich mich selten im Funkraum auf, denn die Klimaanlage schafft dort oben auf der ‚Alm‘ nur noch 30 Grad. Mein Lieblingsplatz ist die Mannschaftsmesse, der kühlste Ort. Hier nehme ich auch die Mahlzeiten ein, niemand stört sich daran.
Mein bester Kumpel ist der Bootsmann. Klaus A. ist ein norddeutscher Sunnyboy, dem die Weiber an Land hinterher sind wie die Fliegen dem Mist. Er hat eine starke Vorliebe für alles Bayerische, seinen Urlaub verbringt er regelmäßig auf der Blickner Alm bei Ruhpolding. Auch die Resis und Zenzis stehen auf ihn. Er ist noch verhältnismäßig jung, in seinem Job macht ihm trotzdem keiner etwas vor. Er ist in jeder Hinsicht souverän.

Leider kann ich nicht an seiner Back sitzen, denn er hat an einem Zweimannstisch den Schlosser als Gegenüber. So speise ich also am Kopfende der Matrosenback zwischen zwei Berlinern. Zu meiner Rechten sitzt Klaus F., ein netter Junge, den ich seit seiner Decksjungenzeit kenne und verdammt gut leiden kann.
Heute gibt es Sauerbraten mit Kartoffelknödeln und Rotkohl zu Mittag. Klaus schenkt mir seine Knödel, verdrückt dafür meinen Sauerbraten. Zum Nachtisch schmeißt der Koch doch tatsächlich Eiscreme auf den Markt, weiß der Teufel, wo das Zeug die ganze Zeit versteckt war. “Ich frage jetzt zum letzten Mal: wer ißt sein Eis nicht?” tönt es vom Bootsmann herüber. Hämisches Gelächter ist die Antwort.
Um 12.00 Uhr treffen sich die Offiziere täglich auf der Brücke, auch der Funkoffizier findet sich ein. Vielleicht verkündet der Kapitän ja eine Neuigkeit.
Der Alte heißt Kuddel S. und ist ein alter Hase, mit sämtlichen Wassern der Seefahrt gewaschen. Was er für perfektes Englisch hält, ist reines Plattdeutsch. Zwar wird er immer verstanden, versteht selbst aber nur, was er will.
“Wehe dir, du verbesserst mich, wenn ich englisch spreche!” hat er mich ganz am Anfang gewarnt und ich halte mich daran. Kuddel ist kein Abstinenzler und steht häufig unter Strom, trinkt aber nur Bier. Normalerweise sieht er wie ein Penner aus, heute trägt er weiße Uniform mit Shorts.
Die Offiziere hängen auf Steuerbordseite der Brücke herum. Ich geselle mich dazu. Kuddel marschiert auf uns zu, scheißt uns wie üblich zusammen:
“BAFÖG, wenn ich das schon höre. Euch wird doch heute nur noch Zucker in den Arsch geblasen. Ich mußte mir damals alles selbst zusammensparen.”
Er bleibt kurz vor uns stehen, dreht sich um und geht nach Backbord zurück. Auf seinen weißen Bermudas, genau in der Mitte, prangt ein großer brauner Fleck. Wir schauen uns an und lachen lautlos in uns hinein. Kuddel ist in seinem Element:
“Keine müde Mark hab ich bekommen. Wir mußten als Matrosen sogar noch unser eigenes Besteck und Kojenzeug auf die Dampfer mitbringen, damit ihr’s wißt. Das würde euch verwöhnten Säcken auch gut tun.” Er macht eine Kehrtwendung und wir senken die Blicke. Doch er hat etwas gemerkt.
“Was ist los mit euch? Warum grinst ihr denn so blöde?” Keiner sagt etwas, wir müssen uns krampfhaft das Lachen verkneifen.
“Was los ist, habe ich gefragt” poltert er weiter.
“Herr Kapitän” ich versuche ernst zu bleiben, “ihre Hose, sie müssen sich da irgendwo reingesetzt haben.”
Er zieht seine Flatterjeans nach vorne und sieht den Fleck. “Reingesetzt, reingesetzt. Red doch nicht so kariert daher. Einen feuchten Pups werde ich gelassen haben. Das kann doch mal passieren, oder?”
“Selbstverständlich, Herr Kapitän.”
“Also, ich mach jetzt meinen Schönheitsschlaf. Geweckt werde ich nur bei Schiffsuntergang oder Gehaltserhöhung. Ist das klar?”
“Jawoll, Herr Kapitän” schallt es im Chor und bis auf den wachhabenden Zweiten Offizier verkrümeln sich alle.
Zur tea time um 15.00 Uhr kommt man wieder in der Mannschaftsmesse zusammen. Die Matrosen sind klatschnaß, ihr Job heißt heute Lukenwaschen. Das Schiff fährt in Ballast, ist also völlig leer. Zur Aufnahme der Maisladung in Durban müssen die Laderäume absolut sauber sein, mit bloßem Fegen ist es nicht getan.
Bei dieser Hitze ist Lukenwaschen eine angenehme Tätigkeit, allerdings nicht ganz ungefährlich. Doch die See ist ruhig und die Matrosen haben den Job schon hundertmal gemacht. Wie üblich, wird in der Pause herumgealbert.
Klaus F. fragt mich noch: “Meinst du, daß mein Brief auch wirklich rechtzeitig ankommt?”
“Ich denke schon. Wir werden morgen Monsun bekommen und dann wohl nicht mehr allzu schnell sein.”
“Hoffen wir’s.” Klaus will sich in Durban verloben. Er ist mit einer Schwarzen zusammen und unsterblich in die Schneeflocke aus den townships verliebt. Sie im Schwarzenghetto zu treffen, ist jedesmal ein Abenteuer, er muß sich auf dem Weg dahin hinten im Taxi verstecken, denn Weißen ist der Zutritt verboten. In den townships selbst droht keine Gefahr, die Schwarzen schirmen ihn gut ab. Klaus plant, das Mädchen später zu heiraten und nach Berlin mitzunehmen.
Die Matrosen gehen wieder an die Arbeit. Ich schieße mich bis zum Wachbeginn noch ein Deck höher beim Steward auf, der gleichzeitig mit mir zu arbeiten beginnt.
Kurz vor Vier rennt plötzlich ein Matrose an unserem Bulleye nach achtern und mit dem Bootsmann zusammen wieder nach vorne. Es muß etwas passiert sein, denn an Bord wird normalerweise nicht gerannt. Wir gehen an Deck hinaus und hören jemand rufen: “.. in die Luke gefallen. Holt den Alten.”
Klaus A. klettert schon die Leiter zu Luke 3 hinunter. Aus den Aufbauten stürzt der Kapitän nach vorne. “Holt die Tragbahre” ruft er uns zu.
Wir schleppen das Gerät aus dem Lazarett nach vorne zu Luke 3. Ich schaue über die Kumming in den geöffneten Laderaum. Ganz unten im Unterraum liegt Klaus F. in gekrümmter Haltung bäuchlings auf dem Stahlboden. Er muß vom Zwischendeck zehn Meter tief in den Unterraum gefallen sein.
Die Bergung von Verletzten ist ein immer wieder geübtes Rollenmanöver und klappt wie im Schlaf. Mein Platz ist dabei im Funkraum, doch diesmal bleibe ich am Eingang zu den Aufbauten stehen. Die Tragbahre wird mit dem Ladebaum an Deck gehievt, zwei Matrosen tragen Klaus nach achtern, an uns vorbei ins Hospital.
Klaus lebt, doch der rechte Arm ist zerschmettert und sein Gesicht wirkt eigentümlich verschoben. Er ist ohne Bewußtsein und röchelt leise.
Der Kapitän geht hinter der Tragbahre her. Er kommt auf mich zu. “Los, hol Hilfe. Wir brauchen einen Arzt. Ich bleibe bei Klaus.”
Ich renne auf die Brücke und lasse mir unsere Position geben, mittlerweile hat der Erste Offizier übernommen. “Was ist passiert?”
“Klaus F. ist in die Luke gefallen. Er lebt noch, der Alte ist bei ihm im Hospital.”
Ich schmeiße den Sender an und hämmere auf der internationalen Notfrequenz 500 kHz unsere Dringlichkeitsmeldung in den Äther. Ein russischer Frachter quittiert sofort, leider hat man keinen Arzt an Bord. Die Küstenfunkstelle Muskat der Arabischen Emirate bestätigt die Meldung ebenfalls. Obwohl es mich ins Lazarett zu Klaus hinunter zieht, kann ich den Funkraum jetzt nicht mehr verlassen. Ein Matrose bringt einen Zettel mit einer Nachricht des Kapitäns an die Reederei:
“1605 ortszeit position ausgang strasse von hormuz stop matrose f. beim lukenwaschen von zwischendeck in unterraum gefallen stop zahlreiche knochenbrüche schwere schaedelverletzung stop kaum hoffnung stop kapitaen.”
Ich schalte um auf Kurzwelle. Norddeich Radio meldet sich sofort. Ich jage das Telegramm hinüber und höre wieder die Notfrequenz 500 kHz. Dort werde ich bereits von Muskat Radio gerufen:
xxx dihl muskat radio
master heide leonhardt
fast patrol boat with doctor onboard proceeding speed 40 kts please verify your position
harbourmaster muskat
Ich flitze auf die Brücke hinüber, wir kontrollieren die Position. Der IO hat sich in der Aufregung um zehn Grad verhauen, danach stehen wir 600 Meilen weiter nördlich, hoch und trocken irgendwo in Persien an Land.
Wir berichtigen unseren Standort auf 2508n 5730e. Der Erste ändert Kurs auf die Ansteuerung von Muskat.
Ich shifte auf Sprechfunk 2182 kHz, weil das Schnellboot auf den Handelsschiff-Frequenzen nicht senden kann. Schließlich bin ich selbst zwei Jahre lang Schnellboot gefahren.
Das Boot meldet sich in akzentfreien Englisch, vermutlich ist der Kommandant Engländer. Wir tauschen erneut die Positionen aus, der Tommie kann uns in etwa 2 Stunden erreichen. Dann fragt er noch “How is the situation on board now?”
“No change so far, Sir. Our man is very seriously hurt. Several bone fractures and severe head injuries, I presume.”
“Roger, understood. Well, we’ll do our best to reach you as soon as possible.”
“Roger, thanks very much, Sir.” Muskat Radio hat ebenfalls umgeschaltet und mitgehört.
Dann höre ich Schritte auf der Treppe, es ist der Kapitän. Er hat Tränen in den Augen, sieht mich an und schüttelt den Kopf.
“Es ist vorbei, war nichts mehr zu machen. Vor zehn Minuten hat er aufgehört zu atmen. Der OA hat noch beatmet, aber die Gehirnflüssigkeit kam schon aus den Ohren heraus.”
Er setzt sich.
“Schick das Schnellboot zurück, die können uns auch nicht mehr helfen. Wir gehen trotzdem nach Muskat. Klaus kann ja nicht an Bord bleiben.”
Ich rufe das Schnellboot: “we thank you very much for your assistance, sir, but our crewmember just passed away. All efforts of reanimation remained without success. So we do not require your assistance any longer. Thanks very much again, sir.”
“Roger, well understood. Very sorry for you, mate.”
Dann rufe ich Muskat Radio: “Could you please advise your harbourmaster accordingly. We are still heading for Muskat. Please also ask German Embassy to assist for disembarking the body.”
“O.K. Sir, we’ll do so.”
Dann gibt mir der Alte die Nachricht für Hamburg: “Matrose F. um 1700 Uhr Ortszeit an Bord verstorben. Reanimationsversuche ohne Erfolg. Anlaufen Muskat ETA 2030 local zur Ausschiffung der Leiche. Botschaft eingeschaltet. Verständiget Agentur. Kapitän.”
Bei Norddeich Radio scheint man auf uns gewartet zu haben. Nachdem der Funker mein Telegramm quittiert hat, morst er langsam zurück: “und nun noch eine traurige Nachricht für den Funkoffizier. Sind sie bereit?”
“Senden sie.”
Er telegrafiert: “ … Tante Marie heute eingeschlafen. Beerdigung uebermorgen. Vater.”
Ich bestätige und registriere den Inhalt, begreife aber noch nicht. Es zieht mich hinunter zu Klaus. Ich lasse das Telegramm auf dem Tisch liegen und gehe ins Hospital.
Der Offiziersanwärter, der ein paar Semester Medizin studiert hat, der Bootsmann und der Zweite Offizier haben Klaus bereits gewaschen und angekleidet. Man holt den Zinksarg aus dem Store und bettet ihn hinein. Niemand redet. Dann gehen wir an Deck. Die Sonne steht tief, die Küste ist bereits in Sicht.
Kurz nach 20.00 Uhr erreichen wir die Reede von Muskat und werfen Anker. Die Flagge weht auf halbmast. Die Behörden warten schon, mit dabei sind ein Botschaftssekretär und der Agent der Reederei.
Die Formalitäten sind rasch abgewickelt. Der englische Hafenarzt untersucht den Toten und schlägt vor, die Leiche sofort mitzunehmen, da bei diesen Temperaturen die Verwesung schnell einsetzt. Der Kapitän ist einverstanden. Wir hieven den Sarg auf das Boot und nehmen Abschied. Das Schiff muß bis zum Mittag des nächsten Tages liegenbleiben, bis alle Details der Überführung geklärt sind.
Ich begebe mich in den Funkraum zurück und finde das Telegramm. Tante Marie, das ist fast mehr als eine Mutter für mich. Sie ist die edelste und verständnisvollste Frau, die ich kenne und der Vergleich mit Mutter Theresa ist sicher erlaubt. Als ich mich im Altenheim vor sieben Monaten von ihr verabschiedet habe, hat sie zum ersten Mal geweint. Vielleicht hat sie es gewußt. Nun kann ich nicht einmal mehr einen Kranz schicken. Aber Vater wird das schon richten.
Kaum einer kann in dieser Nacht schlafen. Ich muß zu Klaus A. auf die Kammer. Klaus liegt auf der Koje und starrt an die Decke. Ich weiß, was in ihm vorgeht. Die Luke war nicht abgesichert und er war der Verantwortliche. Noch am Morgen hatte er darauf hingewiesen. “Ihr kennt ja die Sicherheitsvorschriften” hatte er gesagt. Aber er will seine Leute auch zur Selbständigkeit erziehen und kontrolliert nicht jedes Detail persönlich nach.
Ich setze mich zu ihm auf die Koje und zünde mir eine Zigarette an. Er nimmt sie mir aus der Hand und zieht daran. Klaus raucht schon lange nicht mehr. Wir reden nicht, doch keiner will alleine sein. Ich bleibe eine ganze Weile.
“Es hat keinen Sinn, sich Vorwürfe zu machen.” sage ich dann leise, “davon wird er nicht wieder lebendig.”
“Ich weiß” sagt Klaus.
Am anderen Morgen erhalten wir über UKW Nachricht der Agentur, daß die Leiche wieder an Bord gebracht wird und wir eine Seebestattung durchzuführen haben. Die Eltern von Klaus wollen es so. Keine der Airlines hat einen Kühlsarg für die Überführung nach Berlin vorrätig und in der Wüste verscharrt möchte der Vater seinen Sohn nicht wissen. Wir haben das zu akzeptieren.
Gegen Mittag bringt ein Boot die Leiche zurück. Sie ist bereits für die Seebestattung präpariert und sieht aus wie eine Mumie. Wir müssen nur noch die Grundgewichte an den Füßen anbringen, damit sie auch versinkt. Der Botschaftssekretär hat eine Flagge mit Bundesadler mitgebracht.
Das Schiff läuft mit kleiner Fahrt fünf Seemeilen vor die Küste:

Die Leiche liegt auf einem Walking Board unter der Bundesdienstflagge. Heimatland- und Reedereiflagge wehen auf halbmast. Die Besatzung steht im Halbkreis um den Toten herum, Kapitän und Offiziere tragen Uniform.
Der Erste Offizier stoppt die Maschine, das Schiff treibt in nur leicht gekräuseltem, tiefem Blau.
Der Kapitän findet die richtigen Worte:

Dann spiele ich über die große Verstärkerbox an Deck das Adagio aus Beethovens Neunter. Eigentlich wollte ich die Egmont Overtüre dafür, aber die Kassette hat geeiert. Erst bei dieser Musik beginnen die meisten zu weinen.
Der Kapitän gibt mir ein Zeichen, ich blende die Musik aus.
“So Klaus” sagt er dann, “nun tritt deine letzte Reise an.”
Sein Berliner Freund kappt mit dem Bordmesser die Leine. Das Walking Board kippt zur Seeseite hinab und Klaus rutscht unter der Flagge heraus in die unbewegte See. Mit den Füßen voran geht er in Schräglage sofort auf Tiefe.
Das Schiff nimmt Fahrt auf und bringt den Botschaftssekretär nach Muskat zurück.
Die Besatzung geht schweigend auseinander.
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Adagio molto e cantabile (Auszug - MP3 5,7 MB)
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